„Alles im Baukasten-Prinzip“ - Wie entstehen eigentlich… – 11FREUNDE

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Herr Prof. Dr. Georg Brunner, seit wann gibt es Fan­ge­sänge?

Als Begleit­erschei­nung sport­li­cher Wett­kämpfe seit der Antike. Im Fuß­ball seit den sech­ziger Jahren. Und wie das Spiel selbst, lag der Ursprung auch hier in Eng­land.

Was für eine Wand­lung haben die Gesänge seither erfahren? Wird denn heut­zu­tage mehr gesungen als noch vor Jahr­zehnten?
Erstaun­li­cher­weise hat sich gar nicht viel ver­än­dert über die Jahre. Der Stel­len­wert des Fuß­balls ins­ge­samt ist ein anderer; die Sta­dien sind größer, die mediale Auf­merk­sam­keit. Und durch das Internet sind auch die Fan­ge­sänge für alle ver­fügbar geworden. So mag der Ein­druck ent­stehen, dass es mehr geworden ist. Das würde ich aller­dings abstreiten.

Fan­ge­sänge sind ja ein Para­doxon. Denn eigent­lich singen Männer gar nicht gern. Im Sta­dion scheint das auf­ge­hoben. Woran liegt das?
Es gibt seit jeher Orte gemein­schaft­li­cher Sing­ge­le­gen­heiten. Früher war das vor allem die Kirche. Wobei der Fuß­ball für viele ja fast den Stel­len­wert einer Reli­gion ein­nimmt. Es gibt dar­über­hinaus aber eine These, die ich für durchaus schlüssig halte. Dem­nach müssen drei Dinge zusam­men­kommen, damit Men­schen anfangen zu singen. Es muss ein nicht übli­ches Getränk dabei sein. Oder mit anderen Worten: Alkohol. Eine nicht all­täg­liche Bewe­gung. Und auch das gibt es im Sta­dion, ob es nun Hüpfen, Schun­keln oder Klat­schen ist. Und der dritte Punkt ist: Eine nicht all­täg­liche Klei­dung. Also Tri­kots, Schals, Kutten. Dazu gesellt sich dann noch das Phä­nomen der Masse. Wenn alle singen, fällt es viel leichter, mit­zu­singen. Die Hemm­schwelle ist damit her­un­ter­ge­setzt.

Und wie ent­stehen Fan­ge­sänge?
Inter­es­sant ist, dass es kaum aktu­elle Songs sind, die als Vor­lage genommen werden, son­dern Ever­greens. Inter­es­sant dabei ist auch, dass ganz unter­schied­liche Fan­gruppen die­selben Melo­dien nutzen und ledig­lich den Text abän­dern. Aber auch das ist durchaus tra­diert. Das gab es schon bei Bach. Der musste zu jedem Sonntag ein neues Stück, eine neue Kan­tate kom­po­nieren. Und hat sich dann oft­mals mit Frag­menten frü­herer Stücke beholfen. Und diese dann umge­textet. Eines der berühm­teste Bei­spiel dafür: Der Eröff­nungs­satz des Weih­nachts­ora­to­riums ist aus einer anderen Bach-Kan­tate ​geklaut“. In der Musik­wis­sen­schaft nennt sich das Par­odie­ver­fahren und findet genauso eben auch bei den Fan­ge­sängen statt.

Das ist aller­dings alles andere als ori­gi­nell. Gibt es eine These dafür, wes­halb manche Melo­dien ver­eins­über­grei­fend genutzt werden?
Das liegt ver­mut­lich daran, dass diese Songs zum All­ge­meingut geworden sind. Man muss sich mal über­legen, welche Melo­dien dazu geeignet sind, von wirk­lich allen gesungen werden zu können. Das sind dann meis­tens die beson­ders ein­gän­gigen Pas­sagen aus bekannten Refrains. Was natür­lich auch daran liegt, dass die Lieder mög­lichst gut ankommen sollen.

Haben Sie ein Bei­spiel für einen sol­chen Ever­green parat, der sich so sehr im kol­lek­tiven Bewusst­sein ver­an­kert hat, dass er zum Fan­ge­sang wurde?
Ein gutes Bei­spiel ist der von vielen Fan­gruppen in leichter Varia­tion benutzte ​Ein Schuss, ein Tor“-Gesang. Der geht zurück auf den Refrain des Heino-Klas­si­kers ​Kar­neval in Rio“ von 1972.

Fan­ge­sang:

Heino:

Heino?! Haben Sie viel­leicht noch ein anderes Bei­spiel?
Das ​Blau und Weiß ein Leben lang“ des FC Schalke 04. Das geht zurück auf ​Speedy Gon­zalez“ von Pat Boone, einem sehr popu­lären ame­ri­ka­ni­schen Schla­ger­sänger aus den fünf­ziger und sech­ziger Jahren. Bemer­kens­wert dabei: Der Teil, den die Fans adap­tiert haben, hat im Ori­ginal keinen Text als sol­chen, nur ein wie­der­keh­rendes ​La-la“.

Tor­hymne /​Fangesang:

Pat Boone:

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