Zweimal pustete er durch, dann nahm er Anlauf und jagte den Ball vom Elfmeterpunkt mit Vollspann ins Eck. Langsam streckte er seine Arme in die Luft und lief in Richtung der jubelnden Heimfans. Als ihn seine Mitspieler herzten, huschte ein zurückhaltendes Lächeln über sein Gesicht. Gerade hatte der eingewechselte Josip Ilicic in seinem ersten Spiel nach der Rückkehr zum NK Maribor mit seinem Treffer den 5:1‑Endstand besorgt.
Unübersehbar: Der 34-Jährige hat zugenommen. Wer noch den Stürmer im Kopf hatte, der einst in 339 Serie-A-Spielen 96 Tore erzielt und weitere 66 vorlegt hatte, der wurde am Sonntagnachmittag schnell mit der Realität konfrontiert. „Ich bin jetzt ein anderer Spieler. Ich brauche Zeit, weil ich hier wieder bei Null anfange“, sagte Ilicic nach seiner Vorstellung beim slowenischen Erstligisten.
Als im Februar 2020 erstmals vom Corona-Virus berichtet wurde, war Josip Ilicic auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Atalanta Bergamo hatte sich in der Vorsaison zum ersten Mal in der Klubgeschichte für die Champions League qualifiziert. Das Team von Gian Piero Gasperini mischte die Serie‑A auf und begeisterte mit attraktivem Offensivfußball. Dabei konnte sich der Verein auf seinen treffsichersten Stürmer verlassen. Bevor die Saison unterbrochen wurde, schoss Ilicic in 10 Spielen 14 Tore und bereitete vier selbst vor.
„Ich konnte danach lange nicht schlafen“
Dann wurde der Fußball zur Nebensache. Ilicic befand sich plötzlich in Bergamo im Epizentrum der Seuche, abgeschottet von seiner Familie in Slowenien. Hautnah erlebte er mit, wie Militärtransporter die Leichen aus der Stadt transportierten. Bilder, die alte Wunden in ihm aufrissen. Denn mit dem Tod wurde Ilicic schon vor der Pandemie häufig konfrontiert. Kriegsverbrechen in seiner Kindheit, der frühe Tod seines Vaters oder 2018, als sein früherer Teamkollege Davide Astori nach einem Herzstillstand verstarb. „Ich konnte danach lange nicht schlafen. Ich musste ständig an ihn denken und daran, dass mir dasselbe passieren könnte“, sagte Ilicic in einem Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere dello Sport“. In der Folge soll er immer wieder unter starken Depressionen gelitten haben, mehrmals sei er kurz davor gewesen, seine Karriere zu beenden.
„Ich kann nur sagen, dass wir immer für ihn da sein werden“
Gian Piero Gasperini
So auch im August 2020: Als die Champions-League-Saison fortgesetzt wurde und Atalanta Bergamo im Viertelfinale auf Paris Saint-Germain traf, fehlte Ilicic im Kader der Nerazzurri. Er selbst äußerte sich nie zur Situation. Nur sein Trainer sprach mit Sky Italia: „Es fällt mir nicht leicht, über eine so persönliche Situation zu sprechen. Ich kann nur sagen, dass wir immer für ihn da sein werden.“ Trotz professioneller Hilfe ließen ihn seine mentalen Probleme nicht los. Zwar kehrte er im September 2020 auf den Trainingsplatz zurück, den Spaß am Fußball schien er jedoch komplett verloren zu haben. Dennoch bestritt der Slowene in der Folge wieder Pflichtspiele für Bergamo. An seine persönlichen Erfolge konnte er nicht mehr anknüpfen. Wegen seiner Depressionen fehlte er dem Verein ab Januar 2022 erneut für vier Monate. Als er für einen Kurzeinsatz am letzten Spieltag zurückkehrte, fiel seine Gewichtszunahme bereits auf.
Ein Neuanfang in der Heimat
Im August diesen Jahres einigten sich Spieler und Verein auf eine vorzeitige Auflösung des Vertrags. Ilicic verließ Atalanta Bergamo als Vereinslegende. Bei seiner Verabschiedung am vierten Spieltag lief er durch das Spalier der Spieler und wurde von den Fans mit Sprechchören frenetisch gefeiert. In seiner Heimat will er nun sein Lachen wiederfinden. Der slowenische Erstligist freut sich über die Rückkehr von Ilicic. „Wir sind stolz darauf, dass wir ihn von der Aufgabe überzeugen konnten. Er kann uns immer noch viel geben“, sagte Sportvorstand Marko Suler über den Transfer. Das stellte Josip Ilicic am vergangenen Wochenende direkt mal unter Beweis.