Schieber“-Rufe sind in Fußballstadien keine Seltenheit. Meist entstammen sie Kehlen, durch die schon das ein oder andere Bier geflossen ist, und häufig drückt sich in diesen empörten Ausrufen das angegriffene Gerechtigkeitsempfinden jener Menschen aus, die sich auf der Verliererstraße befinden. Abgesehen vom Fall Robert Hoyzer dürften diese Anschuldigungen zumindest in Deutschland aber größtenteils Geschwafel sein. Wenn allerdings nüchterne Menschen in einem spanischen Radiosender Korruptionsvorwürfe gegen den Tabellenführer und den ehemaligen Vizepräsidenten des spanischen Schiedsrichterausschusses erheben, könnte die Lage ernster sein. Dann ist das wohl eher kein Geschwafel.
Die Protagonisten des aktuellen Falls, in dem laut dpa die spanische Staatsanwaltschaft bereits seit Monaten wegen des Verdachts der „Korruption zwischen Privatpersonen“ ermittelt, heißen FC Barcelona und José María Enríquez Negreira. Letzterer hatte von 1994 bist 2018 das zweithöchste Amt im spanischen Schiedsrichterwesen inne und soll zwischen 2016 und 2018 insgesamt rund 1,4 Millionen Euro von dem katalanischen Klub erhalten haben. Das berichteten zunächst der Radiosender Cadena SER und anschließend zahlreiche spanische Medien.
Millionen für Schiri-Tipps
Barça und Negreira räumten die Zahlungen ein, weisen die Korruptionsvorwürfe jedoch zurück. Joan Laporta, der aktuelle Präsident der Katalanen, erklärte öffentlich, sein Verein habe sich von der Firma des ehemaligen Schiedsrichterbosses beraten lassen – unter anderem mit Ratschlägen, wie sich Spieler gegenüber verschiedenen Referees verhalten sollten. „Das ist aber im Fußball bei den großen Klubs sehr normal“, sagte Laporta. Trainer Xavi pflichtete ihm in einer Medienrunde bei: „Das machen wir schon seit vielen Jahren, das ist keine neue Nachricht.“
Ex-Schiedsrichtervizepräsident Negreira betonte im Interview mit Cadena SER, die Zahlungen seien für mündliche Beratungen seiner Firma Dasnil 95 SL geflossen und er habe den FC Barcelona während seiner Tätigkeit im Schiedsrichterausschuss CTA nie bevorzugt. Belege für die Beratungstätigkeit legte El Pais zufolge allerdings keine der beiden Parteien der Staatsanwaltschaft vor.
Etliche Medien suchen nun bereits nach statistischen Auffälligkeiten im Zahlungszeitraum. So wies RTL beispielsweise darauf hin, dass die Katalanen in den betreffenden Jahren drei Mal Meister wurden: In den Saisons 2015/16, 17/18 und 18/19. Dem Spiegel fiel auf, dass der Klub die Zahlungen an Negreiras Firma in jenem Jahr einstellte, in dem Negreira den CTA verließ. Der damals verantwortliche Barca-Präsident Josep Maria Bartomeu begründete die Einstellung der Zahlungen laut Cadena SER jedoch mit einer „Politik der Kostensenkung“.
„Es ist kein Zufall, dass diese Informationen gerade jetzt veröffentlicht werden“
Im offiziellen Statement des FC Barcelona kündigte der Verein rechtliche Schritte gegen diejenigen an, „die versuchen, das Image des Vereins durch mögliche Anschuldigungen gegen seinen guten Ruf zu beschädigen […].“ Der verärgerte Präsident Laporta behauptete gar: „Es ist kein Zufall, dass diese Informationen gerade jetzt veröffentlicht werden, wo es bei Barça gut läuft.“
Erhielt er sogar 6,6 Millionen Euro?
Sportlich tut es das in der Tat, denn die Blaugrana steht aktuell mit acht Punkten Vorsprung auf den Erzrivalen Real Madrid an der Tabellenspitze. Ungeachtet dessen drohen dem Verein im Falle einer Verurteilung Strafen – in der Bandbreite von Geldstrafen über Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg.
Am späten Donnerstagabend sickerten aus spanischen Medien, allen voran aus dem Blatt El Mundo, weitere Informationen zum Ende der Millionenzahlungen durch – auch zur Höhe des Betrags. So soll Negreira laut der Enthüllung der Zeitung bereits seit 2001 Geld aus Barcelona erhalten haben. Es ist die Rede von insgesamt etwa 6,6 Millionen Euro. Außerdem präsentierte El Mundo ein Fax, das der Schiedsrichterboss 2018 nach dem Versiegen des Geldflusses nach Barcelona schickte. Darin drohte er laut der spanischen Zeitung, einen großen „Skandal“ aufzudecken – „ohne Rücksicht auf die Unregelmäßigkeiten des Vereins, die er aus erster Hand kannte und erlebte.“
Barça droht ein Image-Schaden – mindestens
Bei der ohnehin schon undurchsichtigen Faktenlage werfen diese Erkenntnisse weitere Fragen auf. Wieso sollte der Berater Negreira Einblicke aus erster Hand in „Unregelmäßigkeiten des Vereins“ haben, wenn er doch nur Tipps für den Umgang mit Schiedsrichtern auf dem Platz gab? Und wieso war der ehemalige Vize-Chef des spanischen Schiedsrichterwesens so versessen auf mehr Geld von Barça, wie es die mutmaßliche Erpressung nahe legt?
Der FC Barcelona läuft derzeit Gefahr, nach dem sportlich geglückten Start ins neue Jahr, zumindest einen gewaltigen Imageschaden davonzutragen.