Keine dreißig Meter Luftlinie vom Jahnsportpark entfernt steht ein Mann in einem Amphitheater und animiert mehrere hundert Leute zum rhythmischen Klatschen. Sie rufen den Mann Joe, und er ist hier im Mauerpark eine kleine Berühmtheit, denn er besitzt eine mobile Karaoke-Maschine, und die Spanier, Italiener oder Engländer, die jeden Freitag per Easy-Jet nach Berlin kommen, finden es großartig, wenn sie einmal vor so vielen Leuten „Oops, I did it again“ oder „Ice, Ice Baby“ singen dürfen. Danach flanieren sie über den angrenzenden Flohmarkt, kaufen siebbedruckte Jutebeutel mit Eulen- oder Häschen-Motive, Bücher von Kafka oder Hesse, trinken Brause ohne Zusatzstoffe und reden darüber, wie Berlin sich immer wieder neu erfindet. „Awesome!“ – „Yeah, awesome!“
Prenzlauer Berg war mal ein ziemlich angesagter Berliner Stadtteil, vor zehn oder fünfzehn Jahren, heute ist es vor allem angesagt, gegen ihn zu sein. Denn er ist das Synonym für Vertreibung von alteingesessenen Berlinern geworden, von Alten und Migranten. Schuld sollen die armen Touristen und die reichen Schwaben sein. Deswegen findet man hier alle paar Meter Sticker oder Graffiti mit Slogans wie „Schwaben raus aus Prenzlauer Berg“ oder „Berlin doesn’t love you!“ an den Wänden.
Hier, in Klein-Stuttgart, soll heute der VfB gegen den BFC Dynamo spielen. Es ist der erwartete Clash der Kulturen. Denn während sich der Prenzlauer Berg in den vergangenen Jahrzehnten so rapide verändert hat wie kaum ein anderer Stadtteil Berlins, so sieht der BFC aus der Ferne aus wie ein Relikt der achtziger Jahre: rau, kalt und abweisend. Ein Verein wie Beton. Ein Klub, der sich in den dunklen Ecken der Berliner Oberliga eingenistet hat, während der im schillernden Rest der deutschen Fußballlandschaft Milliarden zirkulieren, Spieler aussehen wie Popstars und Anhänger in Fernsehsendungen von Sky oder ZDF eingeladen werden, um über Entwicklungen der Fankultur zu sprechen.
Ein Freiwild- und ein Ansgar-Aryan-Shirt
Direkt hinter dem Mauerpark liegt die S‑Bahn-Station Schönhauser Allee, von dort geht es die Gleimstraße entlang zur Heimkurve des Jahnsportparks. Die erste Begegnung mit einer Clique BFC-Fans zwischen Eberswalder Straße und Schönhauser Allee ist die volle Klischeepeitsche: Hools, Ex-Hools, Neonazis, Rocker – was auch immer. Die meisten Männer sind kahlgeschoren, stiernackig, viele mit einem calmundschen Bauchumfang, andere mit Bodybuilder-Maßen, ausnahmslos alle: tätowiert. Einer, der sich in einem Spätkauf noch mit einem Bier versorgt, trägt ein T‑Shirt der Firma „Ansgar Aryan“, ein Neonazi-Versandhaus, das damit wirbt eine „Germanic Brand“ zu sein. Daneben stehen harte Jungs mit „Pittbull“- oder „Schlagring“-Shirts, einer trägt sogar ein Shirt der Band „Freiwild“, und man fragt sich: Kann man damit heute noch provozieren?
Die Pokalpartie zwischen dem BFC und dem VfB war zum Hochrisikospiel erkoren worden. Der Berliner „Tagesspiegel“ schrieb einen Tag vor dem Spiel einen Bericht unter dem Titel „Die Angst vor der Fratze“ und erinnerte wie die meisten Medien an das letzte Pokalspiel des BFC. Damals, im August 2011, hieß der Gegner 1. FC Kaiserslautern, und während des Spiels waren 300 BFC-Hooligans in den Block der Gästefans gestürmt, darunter auch auswärtige Schlägerjungs aus Leipzig und sogar Polen. Ein Ordner soll ihnen das Tor geöffnet haben. Das Entsetzen bei den Verantwortlichen war groß, und Rainer Lüdtke, der Fanbetreuer des BFC, weinte. „All die Arbeit, die Mühen und die Hoffnung, die ich in diesen Tag gesteckt habe, sind in diesem Moment wie ein Kartenhaus zusammengefallen“, sagte er kürzlich in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“.
Die Ankunft der Aliens
Dieses Mal hat der BFC allerhand Vorkehrungen getroffen. Man hat für das Spiel gegen den VfB eine neue Ordnerfirma beauftragt und in Absprache mit der Polizei ein stimmiges Sicherheitskonzept ausgearbeitet. Es gibt zum Beispiel Pufferzonen, also leere Blöcke, die ein Szenario wie das vor zwei Jahren nahezu unmöglich machen. Und man hat die Eintrittspreise erhöht, um so Krawalltouristen die Lust am Spiel zu nehmen. Die billigsten Sitzplatztickets kosten 30 Euro. Dazu ist die Polizeipräsenz außergewöhnlich hoch. Im Umkreis von mehreren Kilometern stehen Einsatzwagen – auch wenn es in BFC-Fankreisen die Ansage gegeben haben soll, dass man sich dieses Mal ruhig verhalten wolle.
Die geballte Ankunft der über 9000 Fußballfans im Prenzlauer Berg wirkt dennoch wie die Landung von Aliens. Einige Anwohner stehen auf ihren Balkonen und beobachten irritiert das Schauspiel, das ihnen der Mob bietet. Andere wechseln die Straßenseite, schießen Fotos, tuscheln, lachen. Diese Fußballfans sehen in diesem Moment genauso aus, wie sie es aus einem Film wie „Hooligans“ mit Elijah Wood kennen. Zwei Minuten später ist die Straße leergefegt, die BFC-Fans stehen im Block.
Anstoß um 16:00 Uhr. Der BFC spielt gut mit. Stuttgart hat außer einem Lattentreffer zu Beginn der Partie keine nennenswerten Chancen. Vor der Halbzeitpause fällt doch das 0:1 durch einen Kopfball von Vedad Ibisevic. In den Fankurven bleibt es ruhig. Einmal, wenige Sekunden nach Anpfiff zur 2. Halbzeit, brennen ein paar Bengalo-Fackeln im VfB-Block. Aus der BFC-Kurve hört man einmal ein lautstarkes „Auf die Fresse, auf die Fresse, auf die Fresse!“ Das war’s. In der 76. Minute das 0:2, ein Elfmetertor, wieder Ibisevic.
Am Ende verabschiedet der Stadionsprecher die „Freunde aus Stuttgart“ und wünscht eine gute Heimfahrt. Und als rund 500 Gästefans vor dem Ausgang warten, weil die Tore noch geschlossen sind, erklingt eine sanfte Stimme, mit der sein Besitzer auch bei der Telefonseelsorge arbeiten könnte: „Leute, macht es euch nochmal bequem, wir warten noch ein paar Minuten, bis alle Fans hier sind.“ Dann Gelächter, denn noch während er den Satz zu Ende spricht, hat ein Kollege das Tor geöffnet. Danach werden die Fangruppen getrennt zu den U- und S‑Bahn-Stationen geleitet. Der BFC hat es geschafft: Er hat einen Rundum-Sorglos-Nachmittag organisiert. Passend dazu drückt sich jetzt die Sonne noch einmal durch die Wolken. Die Spanier und Italiener verlassen den Mauerpark. Immer in sicherem Abstand zu den Stiernacken, bis einer sagt: „Watt kiekste?“ – und dann ein Bier aus dem Sechserträger anbietet.
Wo sind die anderen Fans?
Nur: Ist diese vermeintliche Kuschelatmosphäre ein Grund zur Freude? Oder hat man nicht längst kapituliert, wenn man Leute mit unmissverständlichen Shirt-Botschaften Einlass ins Stadion gewährt, nur um sie nicht zusätzlich zu provozieren? Oder hat der Klub wirklich pädagogische Arbeit leisten können? Und wo sind die anderen Fans? Gibt es sie überhaupt?
Vielleicht ja, da hinten, am U‑Bahnhof Eberswalder Straße. Die letzte Szene, bis sich alles auflöst: Ein BFC-Anhänger, graues Haar, eingefallene Wangen, wartet auf seine Bahn, als ein Bekannter vorbeikommt. „Wie geht’s?“ – „Danke, gut.“ – „Schönes Spiel!“ – „Ja, mmh.“ Dann öffnet er seine Tasche, auf der ein BFC-Button steckt. Als er sich in die Bahn setzt, holt er ein Buch heraus. Es hat einen schönen Einband, und vorne drauf steht: Emmanuel Bove „Meine Freunde“.