Die komischste Winterpause aller Zeiten neigt sich dem Ende zu, bald ist endlich wieder Bundesliga! Wir freuen uns darauf. Auch, weil dann wieder diese diebischen und (bislang) geheimen Freuden bedient werden. Unsere Bundesliga-Guilty-Pleasures.
„Warum bewegt der sich denn nicht?“ „Er versucht es ja nicht mal.“ „Wie er den Kopf dreht, das macht mich wahnsinnig.“ Es ist schon komisch, dass sich mir bekannte Gladbach-Fans so aufregen, wenn ein harmloser Schuss an ihrem Kasten langsam vorbeitrudelt. Die Borussia sich also kein Gegentor fängt. Und ihnen trotzdem das Blut in den Kopf steigt.
Denn der Torwart ist wieder einmal für einen kurzen Moment zur Steinstatue mutiert. Yann Sommer, einer der besten Torhüter der Liga, hat die Eigenart, dass er bei Schüssen in der Hocke erstarrt und ehrfürchtig der Kugel hinterherschaut. Oder versucht, den Ball am Tor „vorbeizugucken“. Und aus irgendeinem Grund macht mir das immer wieder große Freude.
Der Fehler in der Matrix
In fast jedem Spiel finden sich diese Momente, in denen Sommer zu Stein erstarrt. Das beste Beispiel: Im August 2021 schießt Mitchel Bakker aus 25 Metern, der ins Eck platziere Ball jagte flach auf Sommer zu. Einen Sidestep macht Sommer ins Eck – dann setzt der Autopilot ein. Er erstarrt wie ein Troll aus Mittelerde, der in die Sonne schaut. Bakkers Schuss springt vom Innenpfosten an sein Schienbein und geht von da in den Kasten.
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Ein Einzelfall, mögen viele sich nun denken. Doch in so gut wie jedem Spiel gibt es den regungslosen Sommer. Ich liebe diese eine Sekunde, in der der Ball richtig Gladbach-Tor fliegt, Nico Elvedi mit einem verzweifelten Block-Versuch den Rasen umpflügt, und Sommer – eben nichts macht. Einfach stehen bleibt. Und dem Ball hinterher guckt. Und vermutlich noch ein schnelles Stoßgebet spricht. Der Fehler in der Matrix.
Klar, auch andere Torhüter haben diese Eigenart, zu erstarren, wenn sie wissen, dass der Ball unhaltbar ist. Aber Yann Sommer macht es besonders aufreizend, so tief steht der Schweizer dann in der Hocke und guckt flehend dem Ball hinterher. Fast immer hat er dabei das richtige Auge und der Schuss ist nicht ansatzweise gefährlich. Oder er ist eben wirklich unhaltbar.
Ja, der ist drin.
imago images
Revanche-Gefühl
Trotzdem erfreut mich dieser Moment der Machtlosigkeit, gerade weil es um einen Spieler von Borussia Mönchengladbach geht. Denn Machtlosigkeit im Gladbacher Stadion, das kenne ich nur zu gut. Als vor einem Jahr die Borussia die Über-Bayern mit 5:0 abfertigte, war ich im Borussia-Park. Und stand ähnlich versteinert im Gästeblock.
Die Rückfahrt im Shuttle-Bus mit unendlich beseelten Gladbach Fans („Naaa, wie war das Spiel???“) und die Zugfahrt in der Nacht in einem Abteil mit sehr redefreudigen Borussen („Kinder, sowas erlebt man nur einmal. Das könnt ihr nicht verstehen…“) sorgten für ein Umdenken. Eigentlich waren mir die Gladbacher immer ganz sympathisch, doch das ist seitdem vorbei. Deshalb macht mit dieser kleine (und immer wiederkehrende) Moment so viel Freude. Er löst ein Rache-Gefühl in mir aus.
Sommer und die Bayern
Gegen die Bayern in der Hinrunde, als er beim 1:1 mit 19 Paraden einen Bundesliga-Rekord aufstellte, war Sommer dann über 90 Minuten hellwach. Auch wenn ich das ganze Spiel eine kleine Hoffnung auf einen regungslosen Gladbach-Keeper hatte.
Die Hoffnung, dass er zu den Bayern wechselt, teile ich deshalb nicht. Denn dann würde ich wahrscheinlich Spiel für Spiel meine Hände über dem Kopf zusammenschlagen und mich fragen: „Wieso bewegt der sich nicht?“