Der Stolz von Heilbronn - Erinnerungen an den Fußball (11) – 11FREUNDE

Peter machte recht schnell die Runde. Es muss noch in der aller ersten Schul­woche über­haupt gewesen sein, als der, wie sich später noch her­aus­stellen sollte, beste Tor­jäger, den die F‑Jugend des VfR Heil­bronn je hatte, jeden Jungen der gerade neu ins Leben geru­fenen Klasse 1b der Damm­grund­schule im Stadt­zen­trum fragte, ob man nicht mal mit ins Trai­ning kommen möchte. Seine Mann­schaft suchte noch nach Spie­lern. Ich mel­dete mich frei­willig.

Und schon wieder hatte ich Glück: Denn wie ich vor meinem ersten Trai­ning erfahren hatte, war der VfR der größte und ruhm­reichste Verein der Stadt – natür­lich auch mit der besten Jugend­ab­tei­lung. Und so waren Fort­schritte auch schon nach der ersten Trai­nings­ein­heit zu erkennen. Ich hatte schnell gelernt, dass man den Ball nicht stumpf mit der Picke schießt, son­dern mit dem Voll- oder Innen­spann. Peter bug­sierte den Ball auch schon mal mit dem Außen­rist zu seinen Mit­spie­lern oder ins geg­ne­ri­sche Tor.

Beim Rück­wärts­laufen mit den Stollen auf den Fuß

Mit fort­schrei­tender Zeit lernte auch ich den Außen­rist­stoß, dazu Kopf­ball am Pendel, Posi­ti­ons­spiel, Drib­bel­va­ri­anten, ein wenig Vie­rer­kette und dass man dem offen­siven Gegen­spieler bei einem Eck­ball ​aus ver­sehen“ beim Rück­wärts­laufen mit den Stollen auf den Fuß tritt. Er wird garan­tiert kein Tor machen. Eine unum­stöß­liche Wahr­heit im Fuß­ball: Trittst Du deinem Gegen­spieler unmit­telbar vor dem Eck­ball auf den Fuß, dann wird er in dieser Situa­tion kein Tor machen.

Ja, in der F‑Jugend haben sie uns das mit dem Tritt auf den Fuß bei­gebracht. Ich fand diese Tricks immer legitim und habe sie auch bis zum Ende meiner Kar­riere beher­zigt. Wie auch die mah­nenden Worte eines Trai­ners: ​Beim Kopf­ball­duell immer mit dem Ellen­bogen voraus in den Zwei­kampf. Erwischt Du deinen Gegner, war es natür­lich keine Absicht und beim nächsten Luft­zwei­kampf wird der Gegner schon nicht mehr ganz so hoch springen. Es könnte ihm schließ­lich weh tun.“

Nach dem Aktu­ellen Sport­studio ins Bett

Die fuß­bal­le­ri­schen Fort­schritte machten mir Spaß, denn sie brachten nicht nur Nomi­nie­rungen in diverse Aus­wahl­mann­schaften, Erfolge in Bezirks­meis­ter­schaften oder kos­ten­freie Reisen nach Frank­reich mit sich. Mit am schönsten war die Ach­tung, die Peter und mir im täg­li­chen Schul­alltag auf der zweit­schlimmsten Schule der Stadt ent­ge­gen­ge­bracht wurde. Wir waren die ein­zigen, die als Schüler der 5. Klasse schon in der Fuß­ball AG der Ober­stufe mit­spielen durften. Gute Fuß­baller wurden hier respek­tiert und waren beliebt. Bei den Mädels, weil Fuß­ball­spieler so schön sport­lich waren und meist etwas fre­cher als die lang­wei­ligen Bücher­leser. Bei den Schlä­ger­jungs, weil man ihnen in der Fuß­ball AG oder bei kurzen Kicks in der großen Pause Erfolge schenken konnte. Schöner Neben­ef­fekt dieser Tur­nier­siege in der Fuß­ball AG und der 15-Minuten-Pause war, dass die ​schweren Jungs“ Peter und mich vor Prügel und Pro­vo­ka­tion ver­schonten. Und schließ­lich wurden wir auch von den Leh­rern geachtet, die hofften, dass wir die Schul­mann­schaft ins Finale von ​Jugend trai­niert für Olympia“ nach Berlin schießen.

Aus dem Hob­by­sport wurde irgend­wann Leis­tungs­sport und der Traum, es als Profi zu schaffen, war zumin­dest nicht ganz unrea­lis­tisch. Dafür waren aber auch Opfer nötig. An Sams­tagen ging es für mich nach dem Aktu­ellen Sport­studio ins Bett, wäh­rend die Kum­pels auf der Piste eine ​Sex, Drugs & Rock´n´Roll“-Geschichte nach der anderen erlebten. In den Som­mer­fe­rien wurde von meiner Seite auf lange Urlaubs­fahrten ver­zichtet, denn wer in der Vor­be­rei­tung fehlte, dem drohte die Ersatz­bank. Mir doch egal, ob meine Kum­pels schon Erfah­rungen in Sex­prak­tiken gesam­melt hatten, die ich nur aus Pornos kannte. Schließ­lich war mein Ziel Fuß­ball­profi – und dann würden die Frauen sowieso auf ein kurzes Fin­ger­schnippen reagieren und Gewehr bei Fuß stehen, da war ich mir sicher.

In meinem letzten A‑Jugendjahr, der Saison 1995/96, wollten wir es dann alle ganz genau wissen. Wir, das war die A‑Jugend des VfR Heil­bronn. Alle samt Voll­blut­fuß­baller, die es in den Pro­fi­be­reich schaffen wollten. Beim Trai­ning fehlte wirk­lich nur, wer sich die Bänder gerissen oder das Bein gebro­chen hatte. Der Kon­kur­renz­kampf war enorm, da fast jede Posi­tion dop­pelt besetzt war. Den­noch: Die Saison star­tete für unsere Ver­hält­nisse durch­wachsen. Erst nach einer knappen und idio­ti­schen Nie­der­lage (mit Mucha-Tor gegen Timo Hil­de­brand) beim VfB Stutt­gart im Oktober fingen wir uns. Danach sollten wir kein wei­teres Spiel mehr ver­lieren und nur noch ein ein­ziges Mal unent­schieden spielen.

Dass wir als A‑Jugend schon sehr weit waren, bewiesen Begeg­nungen gegen Bezirks­li­ga­mann­schaften aus dem Senio­ren­be­reich. Diese fer­tigten wir teil­weise zwei­stellig ab, und selbst gegen unsere erste Mann­schaft des VfR Heil­bronn, damals immerhin ambi­tio­nierter Ver­bands­li­gist, konnten wir in einem Trai­nings­spiel gewinnen. Wie weit wir tat­säch­lich waren und wohin das alles noch führen sollte, zeigte dann die Rück­runde.

Im Rück­spiel gegen den VfB Stutt­gart, konnten wir dem mehr­ma­ligen deut­schen A‑Jugendmeister nach zehn Jahren die erste Nie­der­lage in einem würt­tem­ber­gi­schen Ver­bands­spiel über­haupt zufügen. Nach 0:2‑Rückstand. Die Eli­te­ju­gend der Stutt­garter Kickers schickten wir mit einer 1:4‑Packung auf die Heim­reise, im End­spiel um den Würt­tem­ber­gi­schen Pokal besiegten wir den SSV Ulm, der den heu­tigen Bun­des­li­ga­profi Sascha Rösler in seinen Reihen hatte, mit 4:0. Wir waren somit für den DFB-Pokal qua­li­fi­ziert. Und die Mann­schaft wusste zu dem Zeit­punkt schon, dass sie auch diesen DFB-Pokal gewinnen würde. Und so kam es dann auch: Gegen Pful­len­dorf gab es ein 3:2, gegen den KSC ein 1:0 (mit Mucha-Tor), Jena wurde 9:0 abge­fer­tigt. Wir standen im Halb­fi­nale gegen 1860 Mün­chen.

Das Spiel konnte aber nicht in unserem hei­mi­schen Fran­ken­sta­dion durch­ge­führt werden, weil dort eine Woche zuvor ein Kelly-Family-Kon­zert gegeben worden war und der Rasen noch arg mit­ge­nommen aussah. Wir mussten beim Lokal­ri­valen antreten. Dem ​Sta­dion am See“ von der Union Böckingen, der ewigen Nummer zwei in Heil­bronn. Die Mann­schaft traf sich den­noch im Fran­ken­sta­dion zur Bespre­chung und spa­zierte danach die zwei Kilo­meter am Neckar ent­lang zur Union, wo schon eine Stunde vor Anpfiff reger Betrieb herrschte. Das Spiel musste dann auch 15 Minuten später ange­pfiffen werden, da nicht alle der 3000 Zuschauer recht­zeitig im Sta­dion waren. Nach der ersten Halb­zeit führten wir 3:0. In dieser Halb­zeit gegen die A‑Jugend von 1860 Mün­chen spielten wir, wie uns immer wieder bestä­tigt wurde, den besten Fuß­ball, der je von einer Heil­bronner Mann­schaft gespielt wurde. Und das erzählten uns auch 70-jäh­rige, die es ja wissen mussten.

Wieso sollten also keine Ange­bote kommen?

Inzwi­schen waren wir Helden der Stadt, obwohl der letzte Schritt noch gemacht werden musste. Einige Spieler von uns durften beim Bäcker oder Metzger nicht mehr bezahlen, wir wurden wöchent­lich ins Radio ein­ge­laden, und die Lokal­zei­tung berich­tete täg­lich von unserer Mann­schaft. So konnte die Zukunft gerne wei­ter­gehen – diese Gedanken gingen jedem Mann­schafts­mit­glied durch den Kopf. Und unrea­lis­tisch war das gar nicht mal. Wir wussten, dass bei jedem wei­teren Spiel noch mehr Talent­scouts im Sta­dion sein würden. Wieso sollten also keine Ange­bote kommen? Zwei Spieler unserer Truppe hatten ja auch schon Ver­träge beim KSC unter­schrieben.

Dann end­lich: Finale! 8000 Zuschauer im Heil­bronner Fran­ken­sta­dion. Gegner war Energie Cottbus. Wir wussten, dass die Lau­sitzer nicht den Hauch einer Chance gegen uns haben würden. Schließ­lich genossen wir Heim­recht. Außerdem wussten wir, dass wir zum letzten Mal in dieser Zusam­men­set­zung spielen würden, dass es bei einem Sieg per Cabrio­corso zum Rat­haus gehen würde, wo wir uns dann ins Gol­dene Buch der Stadt ein­tragen sollten. Das klang ein­fach zu gut, um sich diese Erleb­nisse durch eine Nie­der­lage ent­gehen zu lassen. Wir wollten die A‑Jugend von Cottbus demü­tigen, zer­stören und geknickt auf die 700 Kilo­meter lange Heim­fahrt schi­cken. Und so kam es dann auch.

Die Geschichte des Finals und der Fei­er­lich­keiten danach ist schnell erzählt: Halb­zeit­stand 4:0, End­stand 6:1, la Ola im Fran­ken­sta­dion, Gatorade-Shower für unseren Coach, Pokal­über­gabe durch Rainer Holz­schuh. Danach Vodka-Red-Bull aus dem Pokal. Des­halb haben wir auch besoffen den Cabrio­corso genossen und uns mit wacke­liger Schrift ins Gol­dene Buch der Stadt ein­ge­tragen. Danach gab es noch mehr Alkohol, Strip­shows der Mann­schafts­mit­glieder auf Theken diverser Kneipen – und für mich per­sön­lich eine Nacht im Bett mit dem Pokal!

Und wenn Sie mal Pro­bleme haben, Herr Mucha…“

Eine Woche später rief mich mein Schul­leiter zu sich. Zuerst gra­tu­lierte er freund­lich, ehe er Fol­gendes von sich gab: ​Und wenn Sie mal Pro­bleme haben Herr Mucha, dann kommen Sie bitte direkt zu mir. Wir finden sicher­lich Lösungen für jedes Pro­blem.“ So lässt sich das Abi bauen, dachte ich mir im Stillen.

Doch trotz aller neben­säch­li­chen Annehm­lich­keiten, das Spielen selbst blieb immer an erster Stelle. Ob in jeder freien Minute nach der Schule, wäh­rend der Ferien, als wir jeweils die kom­mende Bun­des­li­ga­saison nach­spielten, im Trai­ning, wo wir alles für das End­ziel Profi taten, bei Pflicht­spielen oder heute beim höl­zernen Hob­by­kick auf irgend einer Ber­liner Wiese – Fuß­ball­spielen ist das Geilste.

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In der nächsten Folge der ​Erin­ne­rungen an den Fuß­ball“: 11FREUNDE-Autorin Ayla Kiran fällt in die Hecke.

Hier geht’s zur zehnten Folge: Paul Linke über seine Pfer­de­te­er­lunge www​.11freunde​.de/​b​a​l​l​k​u​l​t​u​r​/​1​02083 .

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