Die letzten ihrer Art – 11FREUNDE

Zehn Minuten waren gespielt auf dem Sport­platz an der Schule in Ost­rohe, als Lini­en­richter Holger Becker ein Reißen im rechten Ober­schenkel spürte. Der hei­mi­sche Ost­roher SC hatte gerade den SV Hem­ming­stedt zu Gast, ein Lokal­derby in der Kreis­liga West­küste West. Becker tas­tete kurz den Schmerz­punkt ab, dann biss er auf die Zähne und lief weiter an der Außen­linie ent­lang, die Fahne in der rechten Hand: ​Das sah sicher­lich etwas blöd aus, aber es hat gelangt. Zumin­dest kamen keine Kom­men­tare von den Spie­lern oder Zuschauern“.

Holger Becker ist mitt­ler­weile 74 Jahre alt. Bis zu dieser Partie am 26. Sep­tember lei­tete er geschätzte 25 Jahre lang kein Spiel mehr. Dass es nochmal zu einem Ein­satz kommen würde, damit hätte Becker nie im Leben gerechnet. ​Ich musste erstmal prüfen, ob ich über­haupt noch laufen kann“, sagt er. Als Schieds­rich­ter­be­ob­achter ist er immer noch auf den Sport­plätzen des Kreis­fuß­ball­ver­bands West­küste anzu­treffen. Doch genau da liegt das Pro­blem: Es werden immer weniger Schieds­richter, die Becker beob­achten und bewerten kann.

ü70 Schiris

V.l.n.r.: Holger Becker, Boje Richter, Karl-Heinz Grund

Petra Bojens

Schieds­rich­ter­schwund nimmt zu

Sein Ein­satz Ende Sep­tember hatte dem­entspre­chend auch Sym­bol­cha­rakter. Zusammen mit dem Haupt­schieds­richter Boje Richter (76) und dem zweiten Lini­en­richter Karl-Heinz Grund (74) formte er ein Trio, das zusam­men­ge­rechnet nur etwas jünger war als die Startelf des Gast­ge­bers aus Ost­rohe. Es ist das ver­mut­lich älteste Schieds­rich­ter­ge­spann, das je ein Spiel in Deutsch­land lei­tete. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Der SV Hem­ming­stedt ent­führte mit einem 4:0 die drei Punkte, das Spiel habe sich laut Becker ange­nehm leiten lassen, das Gespann sei von der ersten Minute an voll akzep­tiert gewesen. Alters­bonus? ​Viel­leicht“, sagt Becker.

Mit der Beset­zung wollte der Schieds­rich­ter­aus­schuss des Kreis­ver­bands auf den anhal­tenden Schwund der Spiel­leiter auf­merksam machen. Gerade im Alter zwi­schen 30 und 40 Jahren würden immer mehr Schieds­richter fehlen. Nur 38 der 240 im Kreis­ver­band gemeldet Schiris würden der Alters­klasse noch ent­spre­chen. Corona bedingt redu­zierte sich die Anzahl der Schiris um 30 Per­sonen. In einem benach­barten Kreis­ver­band sei sie glatt von 220 auf 120 gefallen. Bun­des­weit kann laut DFB zwi­schen 2014 und 2018 ein Rück­gang von fünf Pro­zent bei den ange­mel­deten Schieds­rich­tern fest­ge­halten werden.

Mit Pla­katen und Info­ständen in Kauf­häu­sern haben es die Ver­blie­benen an der West­küste Schleswig-Hol­steins schon pro­biert. ​Aber das zündet alles irgendwie nicht“, sagt Oliver Gün­ther, selbst noch aktiver Schieds­richter und Vor­sit­zender des Schieds­rich­ter­aus­schusses. Drum mussten die alt­ge­dienten Herren ran: ​Mir war es auch völlig egal, wie die drei pfeifen. Die Bot­schaft ist: Wenn ihr es nicht macht, dann machen wir es eben“, sagt Gün­ther.

Eine bestimmte Gene­ra­tion fehlt

Dass es gene­rell, aber spe­ziell bei den 30- bis 40-Jäh­rigen immer weniger Lust aufs Pfeifen gäbe, liegt laut Gün­ther auch daran, dass mitt­ler­weile viel länger gespielt wird: ​Dass 58-Jäh­rige noch in einer zweiten oder dritten Mann­schaft aktiv Fuß­ball spielen, war früher gar nicht denkbar.“ Becker glaubt, dass der Umgang mit den Schieds­rich­tern immer mehr Men­schen abschrecke, auch in dieser Alters­klasse. ​Dieses Gepöbel, die Dro­hungen, die gerade in den unteren Klassen aus­ge­spro­chen werden: Das wollen sich immer weniger Leute antun. Und dafür habe ich sogar Ver­ständnis.“ Fällt diese Gene­ra­tion an Schieds­rich­tern weg, wird das vor allem Kon­se­quenzen für den Her­ren­fuß­ball haben. Denn wäh­rend junge Schieds­richter sich noch mit der Lei­tung von Spielen von Gleich­alt­rigen an das Pfeifen gewöhnen, stehen Schieds­richter im geho­benen Alter vor Tempo- und Kon­di­ti­ons­de­fi­ziten. Schieds­richter, die ihre aktive Kar­riere mit Mitte 30 beenden und dann pfeifen, würden sich besser in die Spieler ihrer Alters­klasse hin­ein­ver­setzen können, sagt Gün­ther. Die Spiel­lei­tung erleich­tere das unge­mein.

Seine Traum­vor­stel­lung ist es, dass die Ver­eine des Kreis­ver­bands je einen Spieler zur nächsten Schieds­rich­ter­aus­bil­dung schi­cken würden. Bei 90 Klubs wären das gleich 90 neue Schieds­rich­ter­an­wärter. In der Rea­lität haben sich nach der Aktion immerhin schon zwei ehe­ma­lige Schieds­richter bei ihm gemeldet, die die Pfeife nun wieder in die Hand nehmen möchten. ​Einer ist 48, einer knapp über 30. Das ist schonmal toll!“ Jetzt wollen sie dran bleiben, beim Kreis­fuß­ball­ver­band West­küste, und weiter für das Schieds­rich­tertum werben. Auch, damit die Herren Becker, Richter und Grund wei­teres Ver­let­zungs­ri­siko ver­meiden können. Denn das mit der Zer­rung, das muss nun wirk­lich nicht mehr sein. Auch wenn Becker sagt: ​Ach, das stört mich nicht, da mache ich jetzt kein Theater drum.“

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