Die Verwandlung - Wayne Rooney hat sich neu erfunden – 11FREUNDE

Den 19. Oktober 2002 haben sie alle nicht ver­gessen. Jenen Tag, an dem ein neuer Stern am eng­li­schen Fuß­ball-Himmel auf­stieg und das Insel­volk ins glei­ßende Licht der Vor­freude tauchte: Ein junger Mann mit dem Körper eines Zucht­bullen und dem Gesicht eines dicken Schul­jungen hatte für den FC Everton sein erstes Tor erzielt. Nicht irgendein Tor: Aus 20 Metern Höhe war der Ball so but­ter­weich auf den Füßen dieses Kerls gelandet, als sei dem soeben kein Fuß­ball, son­dern eine reife Pflaume auf die Fuß­spitze getropft. Eine schnelle Dre­hung, 25 Meter vor dem Tor von Arsenal-Keeper David Seaman, ein kurzer Blick und ein gewal­tiger Schuss mit der Innen­seite. So schnell! So plat­ziert! – den großen Seaman zu einem hilf­losen Flug­ob­jekt degra­die­rend – Unter­latte, Tor, das 2:1 in der letzten Spiel­mi­nute. Remember the name: Wayne Rooney!“, kreischte damals der TV-Kom­men­tator in die Ohren jener, die die Geburt ihres neuen Helden vor dem Bild­schirm mit­er­leben durften. Wayne Rooney, merkt euch diesen Namen!

Seit jenem spek­ta­ku­lären Debüttor sind fast neun Jahre ver­gangen und noch immer ist Wayne Rooney erst 25 Jahre alt. Da starten andere erst ihre Kar­riere, Wayne Rooney aber, der Früh­starter, hat sich gerade neu erfunden. Mit zwei sagen­haften Auf­tritten im Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale gegen den FC Chelsea hat auch das Fest­land-Europa fest­stellen dürfen, dass dieser Mann seinen Zenit noch lange nicht erreicht hat. Im Gegen­teil. Wayne Rooney, über den der ​Guar­dian“ nach dem Hin­spiel schrieb, er habe sein Gehirn in den Füßen, hat seinen Hori­zont noch einmal erwei­tert.

Pres­schläge mit den Lon­doner Tür­ste­hern

Längst ist Rooney nicht mehr das, wofür er einst ver­ehrt wurde: Der Hans-Dampf auf der Mit­tel­stürmer-Posi­tion, fest­ge­klebt an der offen­siven Speer­spitze, schnell genug für flinke Ver­tei­diger, mutig und stark genug, es mit jedem defen­siven Tür­steher auf­zu­nehmen. Gegen Chelsea, jene Mann­schaft mit dem höchsten Anteil an poten­ti­ellen Tür­ste­hern, besetzte Rooney ganz ein­fach jede Posi­tion in der geg­ne­ri­schen Hälfte. Drosch einer seiner Ver­tei­diger einen langen Ball nach vorne, war­tete dort: Mit­tel­stürmer Wayne Rooney. Suchte Flü­gel­papst Ryan Giggs einen Anspiel­partner für den gepflegten Dop­pel­pass, dann war­tete auf ihn: Außen­stürmer Wayne Rooney. Drohten Uniteds Offen­siv­ak­tionen in einem Wust durch­trai­nierter Chelsea-Hünen zu ver­klumpen, spielte den intel­li­genten Pass auf die andere Seite des Spiel­felds: Mit­tel­feld­re­gis­seur Wayne Rooney. Und wagte ein Lon­doner den kra­chenden Press­schlag an der Mit­tel­linie, wer warf sich dann ohne Rück­sicht auf eigene Ver­luste ins Getümmel und schüch­terte die ohnehin zag­haften Gegner zusätz­lich noch ein? Wayne Rooney, remember the name.

Man konnte in diesen 180 Minuten ein­drucks­voller Rooney-Prä­sen­ta­tion nur staunen, wie viele Kraft­re­serven in diesem immer noch ein wenig pum­melig wir­kenden Jungen ste­cken. Kurz vor dem Abpfiff des gest­rigen Rück­spiels zeigte die Sta­tistik zwar knapp zehn Kilo­meter Lauf­leis­tung von Chel­seas Spiel­ge­stalter Frank Lam­pard an, doch hatte der sich die vielen Meter durch ziel­loses Traben im Mit­tel­kreis erschli­chen. Rooney hin­gegen klebte bei jedem Schritt min­des­tens ein Gegen­spieler an den Hacken, und Rooney trabte auch nicht – er raste beständig von Zwei­kampf zu Zwei­kampf, als ver­folge ihn ein Rudel toll­wü­tiger Hunde. Die Sta­tistik lügt nicht. Aber eigent­lich hätte man jeden abge­ris­senen Kilo­meter von Wayne Rooney dop­pelt zählen müssen.

Der Spiel­ge­stalter, form­erly known as Mit­tel­stürmer

Und dann noch diese Technik! Es sind keine Über­steiger oder Hacken­tricks, die Rooney zu einem der besten Fuß­baller der Welt machen. Aber hat man gegen Chelsea, diese Meister der Raum­ver­klei­ne­rung, eine miss­lun­gene Annahme, einen krummen Pass, eine ver­zo­gene Flanke von Wayne Rooney gesehen? Einmal spielte er den Ball von der Mitte auf die linke Seite. Mit dem Außen­rist. Nicht weil das so locker-lässig aus­schaut, son­dern weil es in diesem Fall der schnel­lere Weg war, den Ball zum Mit­spieler zu bewegen. Sky-Kom­men­tator Kai Ditt­mann sprach allen Lieb­ha­bern schnör­kel­losen Fuß­ball­spiels aus der Seele, als er nach dem x‑ten Sei­ten­wechsel Roo­neys ins Mikro­phon hauchte: ​Ach, solche Dinger liebe ich ja!“ Wie ein Mario­net­ten­spieler seine Puppen an für den Beob­achter unsicht­baren Fäden über die Bühne hüpfen lässt, zog der Spiel­ge­stalter a.k.a. der Mit­tel­stürmer Rooney das Spiel Man­ches­ters auf, mal mit den von Ditt­mann heiß und innig geliebten 50-Meter-Pässen von einer Sei­ten­linie zur anderen, mal mit kurzen harten Steil­pässen. Gegen den FC Chelsea spielte Wayne Rooney so brutal richtig, wie ein auf­ge­pimpter Play­sta­tion-Cha­rakter.
Nun trifft Man­chester United im Halb­fi­nale auf Schalke 04. Das wird ein inter­es­santes Duell, in vie­lerlei Hin­sicht. Welche tak­ti­sche Zange lässt sich der als Tüftler nun auch in Europa aner­kannte Schalke-Trainer Ralf Rang­nick ein­fallen, um den Gestal­tungs­spiel­raum von Uniteds Mehrweg-Fuß­baller ein­zu­dämmen? Und: Wie funk­tio­niert die Roo­ney­sche Geschwin­dig­keits­theorie gegen den deut­schen Bun­des­li­gisten, der das Spiel deut­lich träger und lang­samer inter­pre­tiert? Gegen den FC Chelsea, einen Pre­mier-League-Kon­kur­renten, der das eng­li­sche Voll­dampf-Spiel ebenso aus­lebt wie Man­chester United war der Kraft­protz Rooney die beste Waffe. Wenn es aber nun Schalke gelingt, die Inten­sität des Spiels zu ver­schleppen, wie viel Geduld steckt dann in einem Fuß­baller wie Wayne Rooney, der gegen Chelsea aus­ge­lassen wie ein junger Hund über den Rasen sauste?

Ein gedul­diger Rooney? Armes Gel­sen­kir­chen…

Wahr­schein­lich hat Wayne Rooney, dem der Kopf früher nach Fehl­pässen der Kol­legen oder ver­ge­benen Tor­chancen rot vor Zorn glühte, auch das gelernt in seinem Selbst­fin­dungs­pro­zess: Geduld. Wenn dem tat­säch­lich so ist, dann hat Schalke 04 ein echtes Pro­blem. Manchmal scheint es für einen Fuß­baller gar nicht so schlecht zu sein, sein Gehirn in den Füßen zu haben.

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