Don't believe the Hype! - So war das „Jahrhundertspiel“… – 11FREUNDE

Da, das Bet­ten­ge­schäft, blau-weiß-rote Bal­lons im Schau­fenster. Die Farben von Hol­stein Kiel! Oder sind nur die Lan­des­farben gemeint? So genau lässt sich das nicht sagen, zu rar hat sich die Fuß­bal­l­eu­phorie bisher gemacht. Von der via Face­book initi­ierten Aktion, her­nach alle Kieler Schal, Fahne oder Wimpel aus dem Fenster hängen sollen, ist nichts zu sehen. Zwei Bus­fahrer fach­sim­peln immerhin über das Ergebnis, der eine hofft auf die Ver­län­ge­rung. Sein Kol­lege sagt: ​Joar, mal gucken.“ Kiel am Dienstag, 13 Uhr Orts­zeit. Han­sea­ti­sche Zurück­hal­tung.

Das Sta­dion ruht im stillen Schnee­kleid, die Sonne bricht durch die Wolken. Das rie­sige Ther­mo­zelt spannt sich wie ein Zep­pelin über den Rasen, der am 18. Januar 2012 eigens aus den Nie­der­landen her­bei­ge­karrt wurde. Die weiße Plane, schon vor dem Ach­tel­fi­nale gegen Mainz im Ein­satz und zuletzt nach New­castle ent­liehen, wird mit warmer Luft bepumpt. Kiel setzt auf den Heim­nimbus, die Heiz­glocke ver­hin­dert ein Aus­wei­chen ins rasen­be­heizte Ham­burg. Dass sich Jürgen Klopp im Ersten später trotzdem über irre­gu­läre Bedin­gungen echauf­fieren wird, genau wie Mats Hum­mels und Sebas­tian Kehl, ahnt hier noch keiner.

Auch in Japan kennt man plötz­lich Kiel

Die marode Schüssel wird pokal­taug­lich gemacht. Bunter Kabel­salat ver­deckt die Spon­soren der Inter­view­wand, auf der Haupt­tri­büne schrauben die Mit­ar­beiter des Bezahl­sen­ders ​Sky“ an ihren Kameras. Ein Ordner in Neon­weste streu­salzt die Stufen zum Spie­ler­tunnel. Über 150 Secu­ritys haben die nord­deut­schen Gast­geber für das Vier­tel­fi­nale auf­ge­fahren. In der Regio­nal­liga sind es gerade mal sechzig. Nach oben kor­ri­gierte Dimen­sionen auch auf dem Haupt­park­platz: rie­sige Ü‑Wagen von ​NDR“, ​RTL“ und ​ARD“ reihen sich anein­ander. Es ist eine Pre­miere, das erste Live-Spiel von Hol­stein Kiel im Öffent­lich-Recht­li­chen. 300 Jour­na­lis­ten­ge­suche pras­selten auf Medi­en­leiter Patrick Nawe ein, sogar aus Japan.

In der Turn­halle zwi­schen West- und Süd­tri­büne köpft Ulli Schwark ein Veltins. Schal­ke­bier, genau. Schwark grinst. Mit seinem Fan­club ​Die Elite“ orga­ni­siert er die Cho­reo­grafie am Abend. Rie­sige Rollen bede­cken den Hal­len­boden, in Weiß und Blau und Rot. Jörg Duggen, Spaß­vogel der Gruppe, robbt auf allen Vieren über die Folie. Mit Paket­roller ver­klebt er die Streifen. Duggen hat sich extra Urlaub genommen. ​Die Elite“, seit 1999 ein­ge­tragen, seit den Sieb­zi­gern im Sta­dion, ver­sam­melt sech­zehn Hau­degen, Kut­ten­fans eigent­lich, nur würden diese Kutten nicht mehr passen, feixt Klaus Zitzke. Gelächter in der Runde, die mit der Cho­reo­grafie Neu­land betritt.

Mit den Ultras wurde die Stim­mung ver­bannt

Seit die Ultra-Szene aus dem Sta­dion ver­bannt ist, kennt man auf­ge­la­dene Atmo­sphäre in Kiel nur noch vom Hören­sagen. Im Sommer 2011 hatten Kieler und Lübe­cker Ultras beim hol­stei­ni­schen Lan­des­po­kal­fi­nale ihre Riva­lität mit Fäusten aus­ge­prü­gelt. 54 Ultras des KSV erhielten Haus­verbot am hei­mi­schen West­ring. Dazu kamen 20 Sta­di­on­ver­bote, die noch weiter zurück­reichten. Plötz­lich war die Ultra-Szene tot, und mit ihr die Stim­mung. Jonas Ruß, 21, erklärt: ​Wenn der BVB hun­dert Leute sperrt, fällt das kaum ins Gewicht. Hier geht die ganze Dynamik ver­loren.“ Einst auch Ultra, hilft er der Elite heute bei den Vor­be­rei­tungen.

Die Fan­szene von Hol­stein Kiel ist klein, genau wie der Rück­halt des Ver­eins in der Stadt. Der­weil sich der THW Kiel auf stän­digen Sup­port ver­lassen kann, defi­niert sich das Inter­esse der Kieler an den Stör­chen vor allem über High­light­spiele. Wie jetzt gegen den BVB. In der Win­ter­pause standen 2000 Leute sechs Stunden für eine Rück­run­den­dau­er­karte an – weil diese ein Vor­ver­kauf­recht für das Vier­tel­fi­nale garan­tierte. ​Fuß­ball in Kiel, das ist eben so eine Sache“, gran­telt Andreas Posin­gies, wäh­rend er den Foli­en­tep­pich, 25 mal 12 Meter, ein­rollt. ​Fuß­ball steht hier immer hinten an.“ Mit der sta­di­on­fül­lenden Choreo wolle man ein Zei­chen setzen. Drei Block­fahnen, 1500 Foli­en­stäbe, 1500 Pon­chos, für Kieler Ver­hält­nisse eine echte Zäsur. Der Verein hat, dankbar für den TV-Effekt, ver­spro­chen, die 2000 Euro Mate­ri­al­kosten über­nehmen.

Inter­net­gue­rilla und Frie­dens­schal

Am Ein­gang zu Block H und I han­tieren zwei Haus­meister in Latz­hose mit einem Bun­sen­brenner. In einem Meter Tiefe muss eine gefro­rene Was­ser­lei­tung auf­ge­taut werden; es sieht aus, als würde das Duo ein Amei­sen­nest bekämpfen. Der Geruch ver­brannter Erde mischt sich in die eisige Luft. Pokal ist in Kiel echte Hand­ar­beit bei Minus­graden. Dass sich das Enga­ge­ment an der Förde nicht nur auf Spa­ten­stiche und Gas­flamme beschränkt, bewiesen Kieler Fans am Montag: Bei ​Wiki­pedia“ hackten sie den offi­zi­ellen Ein­trag von Borussia Dort­mund. Unter Geo­gra­phie hieß es auf einmal, semikreativ: ​Ihr werdet ver­lieren!“ 15 Minuten blieb der vir­tu­elle Jux unent­deckt. Danach ver­legte sich der Anhang durch etliche Klicks darauf, den eigenen Ein­trag zum Artikel des Tages zu machen. Mit Erfolg. Für einen Tag domi­nierte der Verein nicht nur die bun­des­weiten Schlag­zeilen, son­dern auch die große Online-Enzy­klo­pädie.

Im Fan­shop unter der Haupt­tri­büne domi­niert Gelas­sen­heit. Ein Rentner prüft zwi­schen Daumen und Zei­ge­finger kri­tisch die Stoff­qua­lität des Begeg­nungs­schals. Fast 15 Euro, ein stolzer Preis, da soll der Hals­wärmer, seit ges­tern in limi­tierter Zahl erhält­lich, auch was taugen. Das Memo­ra­bilia darf – die eine Hälfte Schwarz-Gelb und die andere Seite in Blau-Weiß – getrost als tex­til­ge­wor­dene Ent­schul­di­gung an den deut­schen Meister ver­standen werden, nach den Schmäh­ge­sängen der Live-Schalte. ​Geht gut weg“, bewirbt die Ver­käu­ferin das Frie­dens­an­gebot. Und wie hat sich der Absatz sonst ent­wi­ckelt seit der Serie im Pokal? ​Alles wie immer.“ So ist er, der Kieler. Nach Jahren der fuß­bal­le­ri­schen Tris­tesse braucht es schon mehr als ein Win­ter­mär­chen, damit sich die Stadt auch optisch zum Regio­nal­li­gisten bekennt. Die Kas­sen­frau grü­belt: ​Wenn wir nach Berlin fahren…“

Stefan Gut­zeit lehnt am Tisch im ​Hol­steiner“, der Sta­di­onbar. Unter seiner Flie­ger­jacke trägt der Bruder von KSV-Trainer Thorsten das Shirt zur DFB-Saison. ​Pokal­schreck“, dazu eine Puls­kurve. Stefan Gut­zeit erzählt, wie er vor acht Jahren seine THW-Dau­er­karte aufgab. Beim Abo-Meister aus der Ost­see­halle wurde ihm lang­weilig, immer nur Sieg, Sieg, Sieg. In Kiel wird, das fällt auf, das Fuß­ball­fan­da­sein sehr oft über den Umweg Hand­ball erklärt. Fast scheint es einen städ­ti­schen Recht­fer­ti­gungs­zwang zu geben.

Schlimmer als die Fleisch­wunde ist nur die Ner­vo­sität

Gut­zeit, der Trai­ner­bruder, war mal A‑Ju­gend-Koor­di­nator beim KSV. Heute ist das ein­tra­gene Mit­glied des FC Bayern vor allem Fan. ​Das wird das größte Spiel seit anno 1995, als wir den Lübe­ckern den Zweit­li­ga­auf­stieg ver­baut haben“, lacht er. Im Ver­gleich zu den Super­la­tiven der Medien dieser Tage mutet die his­to­ri­sche Ein­ord­nung sehr ange­nehm an. Jahr­hun­dert­spiel? Das größte Spiel seit Lübeck! Das Handy klin­gelt. Gut­zeit geht, Schwark kommt.

Der kleine Mann mit dem Bürs­ten­schnitt blutet an der Hand. Gerade hat ​Die Elite“ das Mate­rial in der Kurve ver­teilt, er sich am Cutter geschnitten. Schlimmer als die Wunde schmerzt die Ner­vo­sität. Schwark ist um neun Uhr auf­ge­standen, seither denkt er nur noch an das Spiel. Er hatte neu­lich diesen Traum. Die Störche gewannen gegen den Meister in der Nach­spiel­zeit. Schon vor der ersten Haupt­runde gegen Cottbus hatte er davon geträumt, in Berlin auf­zu­wa­chen, Finale, Olym­pia­sta­dion. Dazu die Zah­len­akro­batik: 1912 Meister geworden, ​und ich werde in diesem Jahr 50 Jahre alt, genau wie der Michael, das ergibt zusammen auch nochmal 100.“ Ob er in der Stadt Euphorie spüre? Naja. Im CITTI-Park gebe es ja jetzt immerhin einen KSV-Fan­shop. Man muss dazu wissen: CITTI, eine Ein­kaufs­meile, ist offi­zi­eller Sponsor von Hol­stein Kiel.

Die Hyp­eblase

Der NDR titelte am Dienstag: ​Kiel im Aus­nah­me­zu­stand – eine ganze Stadt steht Kopf.“ Wie sehr, sollte sich schluss­end­lich im Stadt­zen­trum zeigen: Da parkte der Dort­munder Bus vor dem Hotel Atlantik, und die Pas­santen tuschelten. Aha, hier steigt der deut­sche Meister also ab, soso. Plötz­lich klatschten und johlten die Leute sogar. Jetzt aber nicht mehr wegen des BVB. Der Jubel hatte einen anderen Grund: An der Kreu­zung vor dem Haupt­bahnhof war der Bus von THW Kiel auf­ge­taucht.

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