Dream a little dream of Jadon – 11FREUNDE

Es gibt da dieses eine Foto von Jadon Sancho. Im Dort­munder Trikot, die Kapi­täns­binde am Arm, den Mund zum Jubel­schrei auf­ge­rissen und mit Hand auf dem Wappen blickt er in die Kamera. Das war im Februar 2021, beim 4:0‑Derbysieg der Schwarz­gelben in Gel­sen­kir­chen. Dieses Bild gehört für viele BVB-Fans sicher zu den ersten, die beim Gedanken an Sancho vor dem inneren Auge erscheinen. Außerdem Sequenzen, wie der flinke Flü­gel­stürmer Ver­tei­di­gern den Ball durch die Beine oder an Tor­hü­tern vorbei ins Tor schiebt. Kurzum, Jadon Sancho dürfte bei vielen Dort­mun­dern posi­tive Erin­ne­rungen her­vor­rufen. Erin­ne­rungen an eine Zeit, in denen die Borussia einen begeis­ternden Fuß­ball spielte. Und jetzt soll einer dieser Spieler, der wie kaum ein anderer für diesen Fuß­ball stand, an seine alte Wir­kungs­stätte zurück­kehren. Viele Fans sind — ver­ständ­li­cher­weise — voller Vor­freude. Zu ihrer Mann­schaft würde ein Spieler stoßen, der in seiner letzten Saison für die Borussia in 38 Ein­sätzen 36 Tor­be­tei­li­gungen gesam­melt hat. Eine Quote, die kein BVB-Spieler in der Hin­runde auch nur annä­hernd vor­weisen konnte. Wird jetzt, sollte Sancho tat­säch­lich kommen, alles besser? Ganz so leicht ist es nicht.

Wenn Come­backs zur Krank­heit werden

Denn der BVB leidet an einer chro­ni­schen Krank­heit. Man kann den Dort­mun­dern eine starke Rück­ho­le­ritis attes­tieren. Wenige Ver­eine haben in den ver­gan­genen zehn Jahren so viele ehe­ma­lige Spieler ​nach Hause“ geholt wie die Borussia. Das große Pro­blem dabei: Die meisten dieser Come­backs waren nicht von über­mä­ßigem Erfolg geprägt. Mario Götze, Nuri Sahin (als Spieler), Shinji Kagawa — keiner konnte an seine Leis­tungen vor dem Weg­gang aus Dort­mund anknüpfen. Einzig Mats Hum­mels ist eine Aus­nahme von dieser eher trau­rigen Regel. Der Unter­schied zu den rest­li­chen Rück­keh­rern: Er war zuvor drei Jahre lang Stamm­spieler bei den Bayern.

Bei Jadon Sancho sieht es ganz anders aus. Der 23-Jäh­rige hat bei Man­chester United seit Anfang Sep­tember, als er sich mit Trainer Erik ten Hag über­warf, kein ein­ziges Spiel mehr absol­viert. Aber auch davor konnte Sancho nur wenig und oft sogar gar nichts von dem zeigen, was ihn in Dort­mund so aus­ge­zeichnet hatte. In seinen zwei­ein­halb Jahren in Man­chester kommt Sancho auf nur 18 Tor­be­tei­li­gungen in 82 Spielen. Zum Ver­gleich: In Dort­mund waren es 114 Scor­er­punkte in 137 Spielen. Zudem spielte er bei United je Ein­satz nur etwa 61 Minuten lang, beim BVB waren es im Schnitt gut elf Minuten mehr pro Spiel. Jadon Sancho ist seit seinem Wechsel nicht mehr der, der er in Deutsch­land war. Es gibt also kei­nerlei Garantie, dass der Eng­länder sport­lich wirk­lich helfen kann.

Und immer wieder die Trans­fer­po­litik

Bei Sanchos Ver­pflich­tung spielt aber sicher auch eine Rolle, dass er beim Dort­munder Publikum so beliebt ist. Die BVB-Fans ver­zeihen einem der Ihren sport­li­chen Miss­erfolg deut­lich länger, siehe Edin Terzić. Der hatte trotz bie­derem Fuß­ball und aus­blei­benden Ergeb­nissen bei den schwarz­gelben Anhän­gern lange einen Stein im Brett. Sancho sowie die beiden frisch ver­pflich­teten Co-Trainer Nuri Şahin und Sven Bender sind aller­dings auch ein Sinn­bild für die feh­lende Krea­ti­vität im Dort­munder Scou­ting. Der BVB war früher dafür bekannt, Juwelen wie Shinji Kagawa aus den Untiefen der zweiten japa­ni­schen Liga aus­zu­bud­deln. Nicht erst seit diesem Winter scheinen sich die Scouts der Schwarz­gelben haupt­säch­lich mit Beob­ach­tungen aus der Bun­des­li­ga­kon­fe­renz und mit Ex-Borussen zu begnügen.

Was den Dort­munder Kader­pla­nern (wie allen anderen auch) beim Bun­des­li­ga­gu­cken offenbar klar wurde, ist die Not­wen­dig­keit eines neuen Außen­bahn­spie­lers für die Borussia. Aktuell gibt es mit Jamie Bynoe-Git­tens und dem lang­zeit­ver­letzten Youngster Julien Duran­ville nur zwei gelernte Flü­gel­spieler im Kader, letz­terer mit nur einem Ein­satz für die BVB-Profis. Zudem will Donyell Malen, der die meisten seiner Spiele in Schwarz­gelb etwas posi­ti­ons­fremd auf dem Flügel ver­bracht hat, den Verein Gerüchten zufolge lieber ges­tern als heute ver­lassen. Der Bedarf nach einem Spieler wie Sancho, der Eins-gegen-Eins-Qua­li­täten mit­bringt, Krea­ti­vität und Tor­ge­fahr aus­strahlt, ist offen­sicht­lich. Somit ist es nicht nur nach­voll­ziehbar, son­dern fast logisch, dass sich in Dort­mund-Bra­ckel mit dem 23-Jäh­rigen beschäf­tigt wurde. Auch weil von Spie­ler­seite klar gemacht wurde, dass Sancho an einer Rück­kehr ins Ruhr­ge­biet stark inter­es­siert ist. Zudem sind die Kon­di­tionen des Deals mit United durchaus attraktiv. Kol­por­tiert ist ein Gesamt­paket aus Gehalt und Leih­ge­bühr, das deut­lich unter fünf Mil­lionen Euro liegt. Das finan­zi­elle Risiko hält sich also in Grenzen.

Der BVB als Sancho-Wohl­fühl­oase?

Noch dazu spricht einiges dafür, dass Sancho in Dort­mund nicht die glei­chen Pro­bleme wie zuletzt in Man­chester haben wird. Als er in Eng­land ankam, waren die Flügel stets besetzt mit Marcus Rash­ford und den auf­stre­benden Ale­jandro Gar­nacho und Anthony Elanga. Beim BVB gäbe es kaum Kon­kur­renz für Sancho, Spiel­zeit wäre ihm von Beginn an sicher. Außerdem haben sie in Dort­mund Erfah­rung damit, seinen immer wie­der­keh­renden Dis­zi­plin­lo­sig­keiten Herr zu werden. Unter ten Hag waren es eben diese, die ihm end­gültig zum Ver­hängnis wurden. Zudem ist mit einem Wechsel weg von der Insel für eng­li­sche Spieler immer eine Befreiung von medialem Druck ver­bunden. Dieser belas­tete Sancho in den ver­gan­genen Jahren sicht­lich. Zwi­schen­zeit­lich zog er sich ein paar Wochen aus der Öffent­lich­keit zurück, trai­nierte in den Nie­der­landen und arbei­tete an seiner kör­per­li­chen und men­talen Ver­fas­sung. Das Ram­pen­licht in Dort­mund wird wohl kaum so hell strahlen wie in Man­chester.

Ganz druck­be­freit wird Sancho zurück beim BVB aber nicht auf­spielen können: Die mit dem Flü­gel­spieler ver­bun­denen Hoff­nungen vieler schwarz­gelber Anhänger werden natür­lich groß sein, sollte der Transfer tat­säch­lich über die Bühne gehen. Dass Sancho wieder an sein altes Leis­tungs­ni­veau her­an­kommen wird, ist zwar defi­nitiv nicht sicher: Der Traum von einem Spieler, der ganze Sta­dien von den Sitzen reißen und Spiele für die Borussia im Allein­gang ent­scheiden kann, ist aber zu schön, um ihn nicht zu träumen. Eine sport­liche Wun­der­hei­lung des Eng­län­ders in Dort­mund ist kei­nes­falls aus­ge­schlossen. Sanchos Rück­hol­ak­tion wäre dann sicher­lich einer der grö­ßeren Trans­fer­coups des BVB in den letzten Jahren. Mit einer bezahl­baren Kauf­op­tion im Leih­ver­trag, wie von Kehl ange­strebt, könnte Jadon Sancho den Dort­munder Anhän­gern viel­leicht noch über den Sommer hinaus wieder Freude an ihrer Offen­sive bereiten.

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