Als in den Schlussminuten des Spiels die Südkoreaner das verzweifelte Anrennen der deutschen Mannschaft mit zwei Toren beantwortet hatten, war das Kreischen der Schiedsrichterpfeife eine Erlösung. Joachim Löw gratulierte an der Seitenlinie seinem südkoreanischen Kollegen. Taeyong Shin, der im Vorfeld die Siegchancen seiner Mannschaft bei einem Prozent gesehen hatte, streichelte den Rücken des Bundestrainers. Dann ging Löw auf den Rasen der Kasan-Arena. Zwei, drei Spielern reichte er die Hand. Dann stand Löw irgendwo im Feld zwischen Mittellinie und Strafraum. Als wäre ihm die Orientierung abhanden gekommen. Aber hatte er sie nicht schon viel früher verloren?
Mit seiner Linken schüttelte Löw seinen Pony durch, er blickte einmal in den Himmel, dann senkte er seinen Kopf. Er ging auf keinen weiteren seiner Spieler mehr zu. Und auch kein Spieler auf ihn. Als der Moment des Untergangs Wirklichkeit geworden war, standen Mannschaft und Trainer allein für sich.
„Ich brauche ein paar Stunden“
Etwas später, als sich das Dunkel der hereinbrechenden Nacht langsam über die Arena legte, konnte man in viele leere Gesichter blicken. „Ich brauche ein paar Stunden“, sagte Löw hinterher auf die Frage, ob er aus dem Scheitern persönliche Konsequenzen ziehe. Er sei geschockt, sagte Löw nur, „wie es weitergeht – ich muss mich erst einmal sammeln.“ Dann verschwand er in die Nacht.
Wenn sich das versemmelte Mexikospiel vor zehn Tagen wie der Anfang vom Ende anfühlte, so war das Spiel gegen Südkorea der Schlussakt. Über eine einst große und stolze deutsche Mannschaft scheint die Zeit hinweggefegt. Und über ihren Trainer gleich mit. Während das Ende für die Generation um Neuer, Boateng, Hummels, Müller, Khedira, Kroos und Özil naht, die sich bei der WM 2010 auf den Weg gemacht hatte, die Fußballwelt aus den Angeln zu heben und die sich vor vier Jahren mit dem WM-Titel in Rio krönte, ist das Ende der Ära Löw erreicht.
Die deutsche Fußballseele in Aufruhr
Die Bilder und die Signale, die der Bundestrainer allein in den zurückliegenden fünf Wochen seit Beginn der Turniervorbereitung gab, gehen in diese Richtung. Selbst nach dem Mexikospiel, als es schien, als hätte Löw mal kurz in den Wettkampfmodus gefunden und von Hingabe und Leidenschaft sprach, hat er die Zeichen der Zeit verkannt. Auf die Frage eines ausländischen Kollegen, warum Deutschland als Weltmeister nicht das gleiche Schicksal der zurückliegenden drei World-Champions ereilen werde, die im jeweils darauffolgenden Turnier in der Vorrunde gescheitert waren, antwortete Löw: „Das wird uns nicht passieren.“
Gleich am ersten Morgen nach der Ankunft in Sotschi, wo die Deutschen schon vor ihrem ersten Schicksalsspiel gegen Schweden standen, blinzelte Löw lieber übers Schwarze Meer. Die deutsche Fußballseele war längst in Aufruhr geraten. Alle hatten gesehen, wie tatenlos, ja wie hilflos Löw an der Seitenlinie Zeuge wurde, wie seine Mannschaft vorgeführt wurde. Und während die Spieler in den Tagen danach das vermurkste Spiele irgendwie zu erklären und die handfeste Krise zu managen versuchten, ging Löw am Wasser spazieren und posierte.