Eine Karriere im Fahrstuhl – 11FREUNDE

Die Prä­mie­rung von Ein­zel­spie­lern im Mann­schafts­sport Fuß­ball ist ein schmaler Grat. Nicht selten werden hier mit Spon­so­ren­namen ver­se­hene, über­große Tro­phäen für den ​Man of the Match“ in bedeu­tungs­losen Vor­run­den­spielen von Groß­tur­niere prä­sen­tiert, die dann durch den jewei­ligen Spieler wer­be­wirksam in die Kamera gehalten wird. Man muss sich nur Kai Havertz’ Gesichts­aus­druck ver­ge­gen­wär­tigen, als er zum Spieler des Spiels aus­er­koren wurde, Deutsch­land aber im Spiel gegen Costa Rica aus dem Tur­nier aus­ge­schieden war.

Die Tor­jä­ger­ka­none dagegen genießt bei Spie­lern wie Fans hohes Ansehen. Und den­noch war die Über­gabe des besten Dritt­liga-Tor­schützen im Rudolf-Harbig-Sta­dion zu Dresden eine reich­lich skur­rile Zere­monie. So strahlte der Gewinner mit jeder Zelle seines Kör­pers eine bemer­kens­werte Lust­lo­sig­keit aus, die man sonst ledig­lich von Teen­agern bei schnöden Fami­li­en­feiern in pro­vin­zi­ellen Gast­höfen kennt. Ver­liehen wurde die Bronze an Ahmet Arslan, der mit 25 Tref­fern eine bären­starke Saison bei Dynamo spielte und die Schwarz-Gelben fast im Allein­gang Rich­tung Auf­stiegs­ränge beför­derte. Allein der Zeit­punkt der Über­gabe hätte nicht unglück­li­cher sein können. Dynamo hatte soeben trotz eines 2:1‑Heimsieges durch die par­allel statt­fin­dende Auf­hol­jagd des VfL Osna­brück den Start­platz im DFB-Pokal ver­loren. Der Auf­stieg in die 2. Liga war über­dies bereits am Montag durch eine 1:4‑Klatsche in Meppen ver­geigt worden. So erklärte sich das Leid in Arslans Augen, trotz der Gra­tu­la­tion.

Arslan

Das ist Glück: Ahmet Arslan und die Tor­jä­ger­ka­none.

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Schei­tern und Wie­der­ge­burt

Der Auf­stieg wäre die Krö­nung seines Zweiten Früh­lings gewesen, den der 29-jäh­rige Arslan in der Rück­runde in Dresden erlebte. Doch das Ver­fehlen dieses Ziels ist fast schon sym­pto­ma­tisch für seine Kar­riere. Die im Alter von 18 Jahren in der Ober­liga Schleswig-Hol­stein beim VfB Lübeck begann. Mit seinen 19 Toren besaß er einen erheb­li­chen Anteil daran, dass der stolze VfB 2014 mit rekord­ver­däch­tigen 27 Zäh­lern Vor­sprung in die Regio­nal­liga Nord auf­stieg. Schon damals zeich­nete Arslan auf und neben dem Platz der viel­leicht ent­schei­dende Unter­schied zwi­schen einem guten Ama­teur- und einem Pro­fi­spieler aus: Ehr­geiz. Auf dem Platz gilt er als klas­si­sches Arbeits­tier, das scheinbar ver­lo­renen Bällen nach­geht und sich Chancen durch gezielte Läufe in die Tiefe förm­lich erzwingt. Dank dieser Fähig­keiten wech­selte er so zum dama­ligen Bun­des­liga-Dino HSV, wo er den Sprung in die Bun­des­liga schaffte. Zumin­dest kurz. Sehr kurz. Er kam ledig­lich auf eine Bun­des­liga-Minute, die er 2015 im Derby bei Werder Bremen ver­leben durfte.

Im Fahr­stuhl des deut­schen Ligen­sys­tems musste er die Reise wieder nach unten antreten und spielte sich bei der U23 in der Regio­nal­liga fest. Als es kurz darauf wieder auf­wärts ging und Arslan zum VfL Osna­brück in der 3. Liga wech­selte, musste er sich wieder mit der Reser­vis­ten­rolle begnügen. 2018 wech­selte er eine Liga tiefer zum VfB Lübeck – und, man konnte es ahnen: spielte groß auf. In seiner zweiten Saison gelang ihm in der alt­ehr­wür­digen Han­se­stadt nicht nur sein zweiter Tri­umph als Tor­schüt­zen­könig der Regio­nal­liga Nord, son­dern auch der Auf­stieg in die 3. Liga. Erneut betä­tigte er die Fahr­stuhl­taste nach oben und fuhr damit zum Erz­ri­valen Hol­stein Kiel, wo er die Mög­lich­keit bekam, sein Offensiv-Können in der 2. Liga unter Beweis zu stellen.

Im Nach­hinein sprach Arslan selbst von einer für ihn ​schwie­rigen Zeit“, da ein sol­cher Wechsel selbst die Gemüter der sonst emo­tional eher unter­kühlten Nord­deut­schen stark erhitzte. Es soll sogar Mord­dro­hungen gegeben haben, wie der Deutsch-Türke im Pod­cast ​Ath­letes Room“ erzählte. In Kiel kämpfte er sich jedoch heran, erzwang sich einen Stamm­platz und schaffte gegen Bayern Mün­chen im Januar 2021 die Pokal­sen­sa­tion, bei dem er sogar einen Treffer gegen Manuel Neuer erzielte. Den­noch ver­lief auch diese Sta­tion letzt­lich tra­gisch für ihn: am Ende der Saison bra­chen die Störche ein und ver­loren die Rele­ga­tion zur Bun­des­liga gegen den 1. FC Köln. Da war Arslan schon nicht mehr dabei – er hatte sich das Kreuz­band gerissen und musste meh­rere Monate pau­sieren. Wieder hatte ihn eine Etage weiter oben das Glück ver­lassen.

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