Eine Leistung – 11FREUNDE

Man kann damals und heute nicht mit­ein­ander ver­glei­chen“, hat Günter Netzer einmal gesagt. Das sei nicht legitim, der Fuß­ball habe sich zu sehr ver­än­dert. Mit Gerd Müller gewann er 1972 den EM-Titel. Schon damals, zwei Jahre vor seinem berühm­testen Treffer, schoss Gerd Müller Tore, wie nur er sie schießen konnte. Im Springen, mit der Spitze des schwarzen Leder­schuhs, wäh­rend er in die Pfütze vor dem Tor fiel, mit dem Kopf, mit dem Spann, im Zweifel mit dem Hin­ter­teil. Aus der Dre­hung, die Ober­schenkel zum Bersten ange­spannt, meist aus nicht mehr als sechs-sieben Metern. Schlitz­ohrig – und bra­chial. 555 Tore für die Bayern, 68 für die deut­sche Natio­nal­mann­schaft. Jetzt ist Gerd Müller tot. Und natür­lich ist das Quatsch, dass solche Tore nur er schießen konnte.

Ich könnte heulen“, hat Gerd Müller einmal gesagt. Das war auf einer Feier zum 40-jäh­rigen Jubi­läum der Bun­des­liga, im Sommer 2003, die Liga fei­erte sich, die tolle Ent­wick­lung, natür­lich, und die Ikonen, die einst spielten. Dazu hatten sie für ihn, den Tor­jäger, einen Fuß­ball­schuh ver­golden lassen, mit dem Müller 1974 im WM-Finale sein berühmtes Tor aus der Dre­hung geschossen hatte. Die Rock­band ​Extra­breit“ trat auf, und die ​No Angels“ auch. Und zum Ende hin wurde Rekord­tor­jäger Gerd Müller nun eben dieser Schuh in die Hand gedrückt, als Aus­zeich­nung für einen, der sich am liebsten nicht aus­zeichnen ließ. Und Müller sagte: ​Ich könnte heulen.“ Viel­leicht weil ihm auch das Spre­chen oft­mals unan­ge­nehm war.

Der Dick­wanst bei den Bayern

Dabei hätte Müller ja viel zu erzählen gehabt. Er hätte von großen Erfolgen und großen Nie­der­lagen erzählen können. Im November 1945 in den Nach­kriegs­wirren als jüngstes von fünf Kin­dern im schwä­bi­schen Nörd­lingen geboren, spielte Gerd lange Zeit nicht im Verein Fuß­ball – weil er sich nicht traute. Erst mit zwölf Jahren nahm ihn sein Freund Peter Kraus mit zum Sport­platz, begrüßt wurde er vom Kapitän: ​Was willscht du Dick­wanst da?“ Beson­ders gut war Müller, nach eigener Aus­sage, nicht. Aber er ging jeden Tag zum Trai­ning, ob Jugend, Alte Herren oder Reser­ve­mann­schaft. Sogar zu den soge­nannten Fir­men­spielen ging er. Als 17-Jäh­riger schoss er in einer Saison 180 von 204 Toren seiner Mann­schaft. Sie gaben ihm den Spitz­namen ​der Harte“. Dann kamen die Bayern.

2005 traf er sich mit der Süd­deut­schen Zei­tung zum Inter­view. Ein langes Gespräch über Tore, die Bayern, Tennis mit Mehmet Scholl, der irgend­wann nicht mehr gegen Müller ver­lieren wollte. Und ob er denn mal eine Geschichte erzählen dürfe. Klar. Es sei näm­lich so gewesen, dass am Tag seiner Ver­trags­un­ter­schrift bei den Bayern auch ein Fir­men­spiel in Nörd­lingen ange­setzt gewesen sei, wes­halb ein Freund ihn nach dem Auto­gramm schleu­nigst über Augs­burg hätte heim­fahren sollen. Auf­grund einer Bun­des­wehr­ko­lonne, die nicht über­holt werden durfte, ver­spä­tete sich Müller zum Kick. Die Men­schen, so sagte er, hätten sich schon über den Säu­migen lustig gemacht, seien erst leise geworden, als er plötz­lich auf den Bolz­platz lief. Wie stand’s denn da? 1:0 für die Anderen. Und wie ging’s aus? 4:1 für uns. Wie viele Tore haben Sie gemacht? Vier.

Ich bin kein Typ für sowas. Ich will meine Ruhe haben.“ 

Diese Anek­dote und der Stolz, der beim Erzählen mit­zu­schwingen schien, sagen schon viel über den Men­schen Müller aus. So ehr­lich und ein­fach wie eine Schüssel Kar­tof­fel­salat, pur, sein Leib­ge­richt, wie es ihm die Mutter immer ser­viert hatte und die er anschlie­ßend stumm in sich hin­ein­schau­felte. Das Inter­view war zu seinem 60. Geburtstag geführt worden. Das ZDF hatte gerade ein Gala zum Sech­zigsten von Franz Becken­bauer, seinem Freund, gegeben. Für Müller gab es keine Show. ​Gott­sei­dank“, sagte Müller, ​die Gala vom Franz war anstren­gend genug: Die ging von acht bis halb zwölf, und im Studio war’s brutal heiß. Ich bin kein Typ für sowas. Ich will meine Ruhe haben.“

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