„Ich war besessen vom Fußball“ – 11FREUNDE

Ali Lali, Sie werden auch als ​Becken­bauer Afgha­ni­stans“ bezeichnet. Wie kommt das?
Ich weiß nicht mehr, wer mir diesen Namen gegeben hat. Aber alle Jour­na­listen spre­chen mich darauf an.

Becken­bauer war damals einer der größten Fuß­baller über­haupt. Waren Sie auch ein Star?
Ich habe in den Sieb­zi­gern bei Hin­du­kusch Kabul gespielt, das war eine der besten Mann­schaften in Afgha­ni­stan. Elf Spieler von uns waren Natio­nal­spieler. Ich war Kapitän der Uni-Aus­wahl, habe in der Jugend- und später in der A‑Nationalmannschaft gespielt. Das sorgt natür­lich für eine gewisse Bekannt­heit.

Wie pro­fes­sio­nell war der Fuß­ball damals in Afgha­ni­stan?
Wir waren alles Ama­teure. Es gab keine natio­nale Liga, son­dern nur Pro­vinz­ligen. Bei Tur­nieren, an denen Aus­wahl­mann­schaften der ver­schie­denen Pro­vinzen teil­ge­nommen haben, wurden die besten Spieler für die Natio­nal­mann­schaft gesucht.

Was war Ihr Haupt­beruf?
Ich war Stu­dent. Aber mein Leben war der Fuß­ball. Ich habe sogar meine Uni­ver­sität danach aus­ge­wählt, wo es die beste Fuß­ball­mann­schaft gibt. Ich hätte eine bes­sere Fach­rich­tung wählen können, aber ich war besessen vom Fuß­ball.

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Ali Lali (obere Reihe, 4. von links) mit der Aus­wahl der Uni­ver­sität Kabul.

Ali Lali

Bis sich Ihr und das Leben vieler Afghanen von einem auf den anderen Tag radikal ver­än­derte. Im Dezember 1979 mar­schierten die Sowjets in Afgha­ni­stan ein.
In so einer Situa­tion gibt es Men­schen, die pro­fi­tieren, andere sind benach­tei­ligt. Ich gehörte zu den Benach­tei­ligten. Zweimal wurde ich fest­ge­nommen. Einmal war mein Vetter dabei. Ihn habe ich danach nie wieder gesehen. Er wurde umge­bracht. Ich selbst bin nur frei­ge­kommen, weil mich jemand von ihnen als Fuß­baller erkannt hat. Er spielte selbst Fuß­ball bei Pamir, einem anderen Verein aus Kabul. Auf dem Platz waren wir also Gegner, aber in dieser Situa­tion hat er mein Leben gerettet.

Wes­halb wurden Sie fest­ge­nommen?
Das konnte sehr schnell pas­sieren. Man musste nicht einmal poli­tisch aktiv sein. Im Gegen­teil: Manchmal reichte es schon, kein Mit­glied in der kom­mu­nis­ti­schen Partei zu sein. Aus unserer Nach­bar­schaft sind sehr viele Men­schen ver­schwunden. Des­halb hat meine Familie mich auf­ge­for­dert, Afgha­ni­stan zu ver­lassen.

Als vor über 40 Jahren die Sowjets in Afgha­ni­stan ein­mar­schieren, ergreifen auch die meisten Natio­nal­spieler die Flucht – und landen in Pader­born. Die Geschichte einer Schick­sals­ge­mein­schaft, die wieder hoch­ak­tuell ist.

Bildschirmfoto 2022 01 06 um 11 55 08 Zur Reportage

Wie sind Sie geflohen?
Ich bin zunächst von Kabul aus nach Herat an der Grenze zum Iran geflogen. Von dort bin ich dann weiter in Rich­tung Grenze – zu Fuß, auf Eseln, auf Pferden.

Mit wel­chem Ziel?
Ich hatte keine Ahnung, wo ich landen würde. Ich wusste nicht, wo meine Mit­spieler waren. Alles, was ich wusste, war, dass ich eines Tages nach Afgha­ni­stan zurück­kehren würde. Im Iran habe ich das Grab des berühmten Dich­ters Hafis in Shiraz besucht. Ein alter Brauch besagt, dass das Gedicht, das man an dieser Stelle aus einem Buch auf­schlägt, einem die Zukunft weist. Ich habe mir meine Rück­kehr nach Afgha­ni­stan gewünscht. Aber der Gelehrte, der mir mit der Deu­tung half, sagte, dass meine Heimat eine andere sein würde. Es hat sich bewahr­heitet: Deutsch­land ist meine Heimat geworden.

Der Fuß­ball hat mir geholfen, auf andere Gedanken zu kommen“

Wie sind Sie nach Deutsch­land gekommen?
Erst einmal war ich noch für län­gere Zeit im Iran, fast andert­halb Jahre. Ich habe dort Ver­wandte gefunden, mit denen ich zusam­men­ge­lebt habe. Wir haben uns über Wasser gehalten, indem wir an der Grenze zum Irak Waren ein­ge­kauft und diese dann in Teheran wieder ver­kauft haben.

Haben Sie dort auch Fuß­ball gespielt?
Ja, von Tur­nieren kannte ich einige ira­ni­sche Natio­nal­spieler. Mit ihnen habe ich manchmal gespielt. Offi­ziell durfte ich aber keiner Mann­schaft bei­treten, weil ich keine Papiere hatte. Aber der Fuß­ball hat mir geholfen, auf andere Gedanken zu kommen.

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