Andriy Shevchenkos Blick ließ auf pure Gewalt schließen. Kein schlechter Ansatz, wenn man es mit einem Weltklassemann wie Gigi Buffon zu tun hat. Der Angreifer stierte also in Richtung Tor, startete einen langen Anlauf – und legte den Elfmeter dann ganz sanft in die rechte Ecke. Shevchenko war nicht zu irgendeinem Strafstoß angetreten. Er hatte soeben das Elfmeterschießen gegen Juventus Turin entschieden und der AC Mailand damit den Champions-League-Titel des Jahres 2003 beschert. Ein Jahr später sollte Shevchenko den Ballon d’Or einstreichen und damit den Höhepunkt seines Schaffens erreichen.
Auch nach der Spielerkarriere ging es auf der großen Bühne weiter. Die erste Trainerstation: Co- und dann Cheftrainer der ukrainischen Nationalmannschaft, die er bei der EM im Sommer bis in Viertelfinale geführt hatte. Nun trat der 45-Jährige seine zweite Station an – ausgerechnet beim abstiegsbedrohten Genua CFC in der Serie A, fernab des Scheinwerferlichts. Da passt doch etwas nicht.
„Wenn mein Abenteuer mit der Ukraine vorbei ist, würde ich gern einen Verein leiten“, hatte Shevchenko bereits im Frühjahr gesagt. Doch war man davon ausgegangen, dass der Ukrainer mindestens auf den Job bei einem Europa-League-Klub schielte. Erst recht, nachdem er mit einer limitierten Nationalelf bei der EM so weit gekommen war und sich weitere Sporen als Trainer verdient hatte. Warum also heuert Shevchenko beim fast notorisch erfolglosen Genoa Cricket and Football Club an? Die Antwort ist dort zu finden, wo sie im modernen Fußball häufig zu erwarten ist: bei einem Großinvestor.
Bisher nur für Groundhopper eine Erfüllung: der Genua CFC
Nun ist es nicht so, dass der Verein aus der ligurischen Hafenstadt prinzipiell keinen Namen hätte. Genoa, 1893 gegründet, ist der älteste Profiklub Italiens und dominierte den Calcio um die Jahrhundertwende – also jene Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts. Auch das Stadio Luigi Ferraris passt in dieses Bild. Die Spielstätte, die sich Il Grifone, der Greif, mit Stadtrivale Sampdoria teilt, wurde 1911 errichtet und lässt das Herz eines jeden Groundhoppers höherschlagen. Für nationalen oder gar europäischen Spitzenfußball stand sie dagegen selten. Kürzlich ist jedoch ein Akteur auf den Plan getreten, der das ändern könnte. Die „777 Partners“ aus Miami haben Genoa Ende September vollständig von Voreigentümer und Spielwarenhersteller Enrico Preziosi übernommen.
Genoa-Kurve im altehrwürdigen Stadio Luigi Ferraris
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Die Ziele der Investmentfirma? Natürlich groß. „Wir verstehen und respektieren die Verantwortung, die wir übernehmen, um das stolze Erbe der Rossoblu zu bewahren und zu schützen. Und wir sind als Hüter dieses Erbes verpflichtet, dem Verein dabei zu helfen, seinen Platz an der Spitze der Serie A zurückzuerobern“, sagte „777Partners“-Gründer Josh Wander – und verschluckte sich dabei fast am Pathos. Die Sache scheint klar: Für mehr Strahlkraft brauchten die neuen Genoa-Besitzer, die auch Anteile am FC Sevilla halten, einen großen Namen, den sie mit Shevchenko nun an Land gezogen haben. Was die Milan-Ikone nach dem Zustandekommen des Deals auf Instagram schrieb, klang dann auch schon ganz nach dem Kurs der neuen Besitzer: „Lasst uns dieses Abenteuer gemeinsam beginnen, um Genoa wieder auf das Niveau seiner Geschichte zu bringen.“
Enrico Preziosi verkauft Italiens ältesten noch bestehenden Fußballverein CFC Genoa an einen US-amerikanischen Investmentfonds. Ist damit das Ende der Patriarchen eingeläutet?
Allein Shevchenkos Name wird dafür jedoch nicht reichen. Denn der Verein dümpelt seit Jahren in der unteren Tabellenhälfte herum. Auch mit dem jetzigen Kader, dessen wertvollste Spieler Zinho Vanheusden und Nicolo Ravella nur ausgeliehen sind, ist kaum mehr als der Klassenerhalt drin. Neben den beiden Leihspielern wird es personell ganz dünn. So gehört etwa der 38-jährige Goran Pandev noch immer zum erweiterten Stammpersonal. Wahrlich keine Truppe, die nach Erfolg schreit: Unter Shevchenko-Vorgänger Davide Ballardini wurden zuletzt acht Spiele ohne Sieg aneinandergereiht.
Il Grifone scheint also erst mal ein Fall für den Tierarzt zu sein – wenn der denn in der Lage ist, flügellahme Fabelwesen wieder fit zu machen. „Das kranke und heruntergekommene Genoa braucht einen Chirurgen“, schreibt auch die „Gazzetta dello Sport“. Bedeutet: Shevchenko muss sich als Krisenmanager üben, bevor die Investoren auf dem Transfermarkt die Muskeln spielen lassen können. Dabei wird ihm die Kenntnis Norditaliens – Genua und Mailand trennen keine zwei Zugstunden – kaum weiterhelfen. Was hingegen helfen könnte, sind die Erfahrungen als Trainer der Ukraine. Auch dort hatte Shevchenko im Sommer 2016 alles andere als ein Spitzenteam übernommen. Doch verpasste „Sheva“ der Mannschaft ein striktes 4 – 3‑3-System und entwickelte sie in diesem Korsett kontinuierlich weiter. Erst später fügte der Trainer dem Taktikportfolio weitere Systeme hinzu. Es gelang, ein Team zu formen, das trotz des Fehlens großer Namen eine starke EM-Qualifikation spielte und bei der Endrunde erst im Viertelfinale an England scheiterte.
Dass er als Trainer gewisse Qualitäten mitbringt, hat der frühere Weltstar damit bereits bewiesen. Doch bleibt auf Vereinsebene eine Reihe an Unwägbarkeiten. Besonders bei Investorenklubs. Zuallererst muss Shevchenko daher hoffen. Darauf, dass „777 Partners“ einen anderen Kurs fahren als die bisherige Klubführung, die in den letzten drei Jahren acht Trainer verschlissen hat.