So freuen kann man sich nur einmal im Leben – 11FREUNDE

Dieser Text erschien ursprüng­lich zum 60. Geburtstag von Marco Tar­delli am 24. Sep­tember 2014.

Es ist nicht davon aus­zu­gehen, dass Marco Tar­delli heute noch mal durch sein Haus rennt, vorbei an den ver­blüfften Gästen, durch die Kor­ri­dore, wei­nend, schreiend, kopf­schüt­telnd, die Fäuste geballt, bis seine Frau ihn schließ­lich auf den Tep­pich nie­der­reißt und ihn unter sich begräbt.

Nicht, dass ein 60. Geburtstag kein Grund zum Feiern wäre. Aber so sehr freuen kann man sich nur einmal im Leben. Mehr hält ein Mensch nicht aus.

Dieses eine Mal erlebte Marco Tar­delli am 11. Juli 1982 im WM-Finale zwi­schen Ita­lien und Deutsch­land. 21:24 Uhr im Estadio Sant­iago Ber­nabéu zu Madrid: Beim Stand von 1:0 bekommt Tar­delli den Ball an der Straf­raum­grenze von Gaetano Scirea durch­ge­steckt, nimmt ihn mit rechts an und zieht ihn, fal­lend, mit links ins rechte untere Eck. Zwei ver­zwei­felte Deut­sche – sind es Förster und Stie­like? – grät­schen ins Leere, Tor­wart Schu­ma­cher bleibt wie ange­wur­zelt stehen, es ist das 2:0, die Ent­schei­dung. Beide Mann­schaften schießen noch je ein Tor, aber das ist Maku­latur.

Wohin lief ich? Ich weiß es nicht.“

Als Schu­ma­cher seinen Blick wieder nach vorn richtet, ver­geb­lich Halt suchend, ist Tar­delli schon längst los­ge­rannt, auch seine Mit­spieler lässt er stehen. ​Wohin lief ich?“, sagt er später. ​Ich weiß es nicht, ich weiß es wirk­lich nicht.“ Er rennt ins Nichts, er rennt ins Alles, als hätte das Feld, als hätte die Welt kein Ende: zu seinem Trainer Enzo Bearzot, zu seinem Sohn, dem er das Tor widmen will, zu seiner Mamma, zu Gott, zu sich selbst als träu­mendem Kind, er weint, er schreit: ​Gol! Gol! Gol!“ Ekstase.

Tat­säch­lich: Es ist, als wäre ein Kind, das eben noch auf dem Bett lag und träu­mend zu einem Bild des Gold­po­kals auf­schaute, plötz­lich in dieses End­spiel geworfen worden und hätte es mit einem im elter­li­chen Garten ein­ge­übten Kunst­schuss ent­schieden. Auch der Schreck steht Tar­delli ins Gesicht geschrieben: War es wirk­lich mein Fuß, von dem der Ball ins Tor gesprungen ist? Sind es meine Ohren, die die 90.000 Men­schen krei­schen hören? Ist es mein Herz, das so laut schlägt? Bin ich es, der ​Gol! Gol!“ schreit? Ist es mein Traum, der wahr geworden ist?

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