Harry Kane lässt sich nach außen fallen und bekommt den Ball nahe der rechten Seitenlinie. Auf einen suchenden Blick folgt ein etwas zu lang geratener Seitenwechsel. Spielmacher Christian Eriksen sichert dennoch den Ballbesitz für die Tottenham Hotspurs und legt die Kugel per Kopf ab auf Dele Alli. 18 Meter vor dem gegnerischen Tor verarbeitet der 19-Jährige den Ball mit dem rechten Oberschenkel. Mit dem zweiten Kontakt hebt er das Spielgerät mit dem rechten Fuß über sich selbst und den heranstürmenden Gegenspieler, dem nur noch das Nachsehen bleibt. Mit einer gekonnten Bewegung dreht sich Alli einmal um die eigene Achse und setzt im fließenden Übergang zum Torschuss per Direktabnahme an. Die Versuche der Abwehrreihe, ihn am Abschluss zu hindern, kommen zu spät. Alli trifft den Ball perfekt mit dem rechten Spann, der Ball titscht einmal auf und verfängt sich dann in den Maschen. Jubelnd dreht der Engländer ab und rutscht auf den Knien zu den angereisten Gästefans. Mit diesem Treffer sicherte Alli seiner Mannschaft einen wichtigen Auswärtssieg – und sich selbst einen Platz auf den Titelseiten der englischen Presse.
Alli vereinte Körpergröße, Technik und Torgefährlichkeit und stellte damit einen neuen Spielertyp dar, den es so auf der Insel lange nicht gegeben hatte. Im Januar 2016 waren sich die Experten einig, ein neuer Star hatte die Bühne des englischen Fußballs betreten. In seinen ersten drei Premier-League-Spielzeiten kommt er auf 19, 27 und 20 Torbeteiligungen, wird Nationalspieler und pumpt seinen Marktwert auf 100 Millionen Euro hoch. Doch nach einem steilen Aufstieg folgt der ebenso rasante Abstieg.
Dele Alli droht mittlerweile das Schicksal, künftig in einem Atemzug mit gescheiterten Toptalenten wie Javier Saviola, Bojan Krkic und Sinan Kurt genannt zu werden, nicht mit Steven Gerrard, Frank Lampard und Wayne Rooney. Der so hochgehandelte Superstar entwickelte sich in den vergangenen Jahren zum Problemfall. Alli spielte eine stetig kleiner werdende Rolle, leistete sich öffentliche Skandale und kassierte Kritik für seine Disziplinlosigkeit. Jüngst wunderte sich Allis Trainer Senol Günes über die Abwesenheit seines Spielers bei einer Trainingseinheit von Besiktas Istanbul. Während Alli nach London reiste um einen angeblich mit dem Verein abgesprochenen Arzttermin wahrzunehmen, mutmaßte Günes, ob das schlechte Wetter in Istanbul der Grund für Allis Abwesenheit sein könnte. Der 37-malige englische Nationalspieler hat schwierige Jahre hinter sich. Wie konnte es so weit kommen?
imago images
„Als er Tore schoss, liebten ihn die Kinder wie Ronaldinho“
Nach einer mit dem Aufstieg gekrönten Saison wechselt der 19-jährige Dele Alli 2015 aus Englands dritter Liga für rund sieben Millionen in die Premier League zu den Tottenham Hotspurs. Der Offensivmann kam auf 16 Tore und neun Assists für seinen Heimatklub MK Dons. Sein Förderer und Leiter des Nachwuchsleistungszentrum der Dons, Mike Dove, sagte dem Telegraph nach Verkündung des Wechsels von Alli zu den Spurs: „Er ist mental unverwüstlich, völlig angstfrei. Manche verwechseln das mit Arroganz, aber er hat einfach nur Spaß am Fußball und will die Leute unterhalten.“ In London knüpfte Alli dann nahtlos an seine Leistungen an. Im Vergleich zu englischen Legenden wie Gerrard und Lampard war Alli zwar ähnlich torgefährlich, verfügte aber über eine deutlich feinere Technik. Zudem tauchte Alli gerne im Strafraum auf und war mit einer Körpergröße von 1,88 Meter auch in der Lage, per Kopf gefährlich zu werden. Seine gewitzten Dribblings und Schnittstellenpässe verzauberten die englischen Fans, die sonst eher rustikalen und kampfbetonten Fußball gewohnt waren. Ein echter Freigeist, der Freude am Fußball ausstrahlte. Charakterlich auch seine kuriosen Torjubel. Seine Unbekümmertheit verschaffte dem jungen Alli eine zentrale Position in der englischen Nationalmannschaft.