Angefangen hat alles in Cremona. In der am linken Po-Ufer gelegenen norditalienischen Kleinstadt wuchs Gianluca Vialli gut situiert auf. Sein Vater hatte es zu außerordentlichem Wohlstand gebracht und ermöglichte Gianluca und seinen vier Geschwistern eine Kindheit im „Castello di Belgioioso“, einem 60 Zimmer umfassenden Schloss. Sein Vater lehrte ihn, das finanziell sorgenfreie Leben nicht als selbstverständlich anzusehen und brachte ihm früh eine außerordentliche Arbeitsmoral bei. Ausruhen auf des Vaters Wohlstand? Für Vialli keine Option. Er möchte selbst erfolgreich sein – am liebsten im Fußball, seiner Leidenschaft.
Beim Amateur-Klub Pizzighettone macht er seine ersten Schritte. Schnell ist sein Talent so offensichtlich, dass ihn Cremonese, der erfolgreichste Klub der Stadt, verpflichtet. Dort debütiert er mit gerade einmal 16 Jahren bei den Profis in der Serie C, Italiens dritthöchster Spielklasse. Mit Vialli geht es für den Klub steil bergauf. Erst der Aufstieg in die Serie B, dann in die Serie A, in welcher der Klub seit 1930 nicht mehr spielte. Doch für Vialli ist die Zeit in seiner Geburtsstadt vorüber. Er wechselt zum aufstrebenden Klub Sampdoria Genua.
Vialli führt „Il Doria“ auf ungeahnte Höhen
In der ligurischen Hauptstadt wird Vialli erneut zum Talisman. Mit Roberto Mancini an seiner Seite bildet er eines der bis heute legendärsten Sturmduos im italienischen Fußball, landesweit sind sie nach kurzer Zeit als „gemelli del gol“ (dt.: Tor-Zwillinge) bekannt. Das ganze Land blickt ehrfurchtsvoll auf Sampdoria und seine wild aufspielende Doppelspitze. Vialli gilt zwar nicht als der feinste Techniker, dafür sind seine Kampfkraft und Schnelligkeit außerordentlich ausgeprägt. 100 Meter läuft er in unter elf Sekunden. In seiner ersten Saison schließt „Il Doria“ die Saison als Vierter ab, die beste Platzierung seit 1961. Doch die ist nur zweitrangig, denn schon in Viallis erster Saison kann Sampdoria die Coppa Italia gewinnen. Im Finale gegen den AC Mailand schießt Vialli das entscheidende Tor.
Für Sampdoria ist der Pokalgewinn 1985 der erste große Titel in der Vereinsgeschichte. Prompt folgen Angebote anderer Vereine. Silvio Berlusconi will ihn für umgerechnet 15 Millionen Euro nach Mailand holen. Doch Vialli sagt: „Wenn ich vom Balkon meiner Villa aufs Meer blicke, bin ich glücklicher, als wenn ich in Mailand in den Himmel sehe.“ In der besten Liga der Welt Ist Vialli in den folgenden Jahren einer der gefürchtetsten Mittelstürmer und der wichtigste Spieler seiner Mannschaft.
Der kompletteste Spieler nach Maradona
Mit seiner Hilfe etabliert sich Sampdoria in den kommenden Jahren in der Spitzengruppe. Drei Jahre nach dem ersten Pokalgewinn steht Vialli mit seiner Mannschaft wieder im Finale. Diesmal gegen Diego Maradona und den SSC Neapel. Sampdoria gewinnt 4:0 und Vialli bringt den erneuten Pokaltriumph mit dem wichtigen 1:0 auf den Weg. Nur ein Jahr später verteidigt die Mannschaft die Coppa und steht zeitgleich im Finale des Europapokals der Pokalsieger.
Gegen den FC Barcelona verlieren sie zwar mit 0:2, doch nur ein Jahr später ziehen sie erneut ins Endspiel ein. Gegen den RSC Anderlecht geht es bis in die Verlängerung, lange sieht es nach einem Elfmeterschießen aus. Aber Vialli hat keine Lust auf Glücksspiel und trifft gleich doppelt. Sampdoria ist Europapokalsieger der Pokalsieger und Vialli als gefeierter Held auf dem vermeintlichen Gipfel seiner Zeit in der Hafenstadt. Für den ehemaligen italienischen Nationaltrainer Enzo Bearzot ist er inzwischen der „kompletteste Spieler nach Maradona“. Doch ein Titel fehlt noch: die italienische Meisterschaft.
Endlich Meister
Was folgt, ist die beste Liga-Runde in der Geschichte von Sampdoria. Aus den ersten 13 Spielen der Saison 1990/91 verliert „La Samp“ nur eins. Ungeachtet dessen sind die Mailänder Klubs in der Favoritenrolle auf den Titel. So wird das Spiel gegen Inter Mailand zum ultimativen Test. Mit dem amtierenden Weltfußballer Lothar Matthäus und seinen deutschen Kollegen Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann erscheint Inter deutlich überlegen zu sein. Doch es ist nicht Matthäus, sondern Vialli der mit einem Doppelpack das Spiel entscheidet und auftritt wie ein Weltfußballer. Sampdoria gewinnt 3:1. Eine Bestätigung der eigenen Stärke für Vialli und seine Teamkollegen.
Es folgen große Siege gegen Juventus, den AC Mailand und den amtierenden Meister aus Neapel, bei denen Vialli jeweils spielentscheidende Tore erzielt. Im Endspurt der Saison muss Sampdoria dann zum Rückspiel ins San Siro. Für das große Ziel muss ein Sieg her. Und Sampdoria liefert. Besser gesagt: Viali liefert. Beim 2:0‑Auswärtssieg trifft er erneut. Der Erfolg gilt noch heute als größtes Spiel in der langen Geschichte von Sampdoria Genua. Es folgt ein Heimsieg gegen Lecce, bei dem Vialli erneut trifft und damit den Gewinn der ersten italienischen Meisterschaft festmacht. Bis heute ist es der einzige Meistertitel von „Il Doria“. In einer Liga, in der damals alles spielt, was Rang und Namen hat, gewinnt Vialli mit 19 Toren zudem den Titel des „Capocannoniere“ (dt. Torschützenkönig). Vor Spielern wie Matthäus, Baggio, van Basten oder Maradona.
In der darauffolgenden Saison führt Vialli seine Mannschaft als Überraschungsmannschaft sogar bis ins Finale des Landesmeister-Pokals, doch gegen den FC Barcelona hat das Team erneut das Nachsehen. Auch die Titelverteidigung in der Meisterschaft scheitert, und so sieht Vialli die Zeit gekommen, weiterzuziehen. Nach acht Jahren Genua ist Schluss. Acht Jahre, in denen Vialli den Klub mit seinen Toren in Sphären katapultiert hat, die er davor und danach nie wieder erreicht.