Willkommen in der Realität – 11FREUNDE

Wir brau­chen die Alte Förs­terei wie die Luft zum Leben!“, stand auf einem großen Banner vor der Haupt­tri­büne im Ber­liner Olym­pia­sta­dion. Im Herbst 2021 wollte die Fan­szene des 1. FC Union Berlin damit ihren Stand­punkt klar und deut­lich zeigen: Rich­tige Heim­spiele gibt es für sie nur in Köpe­nick. Für die UEFA Con­fe­rence League war der Verein aller­dings gezwungen, ins Olym­pia­sta­dion aus­zu­wei­chen, da das eigene Sta­dion die Anfor­de­rungen der UEFA nicht erfüllen konnte. An der Liebe der Fans zu ihrem Sta­dion dürfte sich bis heute nicht allzu viel geän­dert haben. Ihr Verein hin­gegen legte in Person von Prä­si­dent Dirk Zin­gler jedoch einen inter­es­santen Sin­nes­wandel hin. Der sagte näm­lich noch im Mai: ​Der Grund­satz gilt: Wenn es irgendwie geht, spielen wir in der Alten Förs­terei.“ Und es ginge. Auch in der Cham­pions League. Auch in der kom­menden Saison. Den­noch wird der Verein diese Spiele im Olym­pia­sta­dion aus­tragen. Das zeigt: Union Berlin und seine Fans haben ein Pro­blem. Um ihrem Image gerecht zu bleiben und trotzdem im modernen Fuß­ball Fuß zu fassen, müssen sie einen gewal­tigen Spagat bewäl­tigen.

Wochen­lang dis­ku­tierte, so schien es zumin­dest, der Verein mit der UEFA, in wel­chem Sta­dion Union Berlin in der kom­menden Saison seine Cham­pions-League-Heim­spiele aus­tragen würde. Das Sta­dion an der Alten Förs­terei, das stim­mungs­tech­nisch zwei­fels­ohne zu den besten der Repu­blik gehört, gilt mit rund 22.000 Plätzen inklu­sive einer sehr geringen Anzahl von 3617 Sitz­plätzen eigent­lich als zu klein für UEFA-Sta­tuten. Ein Pilot­pro­jekt machte aber schon in der letzten Saison die Nut­zung für die Spiele in der Europa-League mög­lich. Und dank der Fort­set­zung jenes Pro­jekts hätte die UEFA auch für die kom­mende Cham­pions-League-Saison nichts aus­zu­setzen gehabt. Der Verein ver­zich­tete jedoch und zieht lieber ins über 74.000 Plätze fas­sende Olym­pia­sta­dion um.

Jedem unserer über 56.000 Mit­glieder nun die Mög­lich­keit ein­zu­räumen, diese beson­deren Spiele in der Cham­pions League live erleben zu können, halten wir für die rich­ti­gere Ent­schei­dung“

Dirk Zingler – Präsident vom 1. FC Union Berlin

Wir haben ein kleines Sta­dion und können daher seit vielen Jahren immer mehr Mit­glie­dern unseres Ver­eins keine bzw. nur wenige Spiele ihres Klubs live ermög­li­chen. Jedem unserer über 56.000 Mit­glieder nun die Mög­lich­keit ein­zu­räumen, diese beson­deren Spiele in der Cham­pions League live erleben zu können, halten wir für die rich­ti­gere Ent­schei­dung“, begrün­dete Dirk Zin­gler die Ent­schei­dung. ​Richtig“ – ein Wort, das eigent­lich nicht zu stei­gern ist. Ver­mut­lich ver­sucht Zin­gler, sich damit aus seiner etwas über­mü­tigen und wenig durch­dachten Aus­sage vor ein paar Wochen raus­zu­winden. Schließ­lich ist die Ent­schei­dung pro Olym­pia­sta­dion kein Kom­pro­miss oder ein Befehl der UEFA, dem es Folge zu leisten gilt und den man sich schön­reden muss. Es ist einzig und allein die Ent­schei­dung des Ver­eins. Der es in Person von Dirk Zin­gler nicht schafft, in der Ange­le­gen­heit ehr­lich und trans­pa­rent zu agieren. Jeden­falls drängt sich dieser Ein­druck auf.

Denn was Dirk Zin­gler galant unter den Tisch fallen lässt: Der Umzug dürfte dem Verein prak­tisch das drei­fache an Zuschau­er­ein­nahmen bringen. Trotz der Miete, die sie dem Land Berlin zahlen müssen, kann Union Berlin von einem satten finan­zi­ellen Plus aus­gehen. Der Verein kann VIP-Logen ver­markten und Plätze in einem ganz anderen Preis­seg­ment anbieten. Es ist von Mehr­ein­nahmen im höheren, ein­stel­ligen Mil­lio­nen­be­reich aus­zu­gehen. Da muss nie­mand lange über­legen um fest­zu­stellen, dass es unter finan­zi­ellen Gesichts­punkten Sinn ergibt, diese Chance zu nutzen.

Der Verein ent­wächst seinem Allein­stel­lungs­merkmal

Der pro­vi­so­ri­sche Umzug zeigt aber auch: Union Berlin ist seinem Sta­dion und damit seinem Allein­stel­lungs­merkmal längst ent­wachsen. Das zeigt allein das Ver­hältnis der Mit­glie­der­an­zahl zur Sta­di­on­ka­pa­zität. Nur Mit­glieder können Tickets erwerben, oft muss mitt­ler­weile das Los ent­scheiden. So auch letzte Saison geschehen, als Fans sich für die Spiele in der Europa League bewerben mussten und ledig­lich die Garantie für ein ein­ziges Spiel bekamen. Mit der Cham­pions League im Olym­pia­sta­dion wirft Union den Leuten, die sonst keine Chance haben, Spiele ihres Ver­eins zu sehen, natür­lich ein Bonbon zu. Ein sehr süßes Bonbon. Aber auch ein teures.

Trotz Allein­stel­lungs­merk­malen wie dem rie­sigen Steh­platz­an­teil im Sta­dion an der Alten Förs­terei, der Mantra-artigen Hal­tung, dass die eigene Mann­schaft nicht aus­ge­pfiffen wird und dem beschau­li­chen Standort des Sta­dions am Wald­rand hat sich viel geän­dert. Vom kleinen Verein, der dem dik­ta­to­ri­schen DDR-Regime vor vielen Jahren die Stirn geboten und mit einer Wagen­burg-Men­ta­lität ver­sucht hat, noch eine Zeit lang das Image des kleinen, fami­liären Clubs auf­recht zu erhalten, ist nicht mehr all zu viel übrig. Union ist und möchte auch mitt­ler­weile für Grö­ßeres bestimmt sein.

Was braucht der Verein? Was wollen die Fans?

Nächstes Jahr steht das nächste Aus­weich­ma­növer an. 2024/2025 schaut Union Berlin einmal mehr im Olym­pia­sta­dion vorbei. Dann trägt der Klub gleich alle Bundesliga‑, Pokal- und gege­be­nen­falls Euro­pa­pokal-Heim­spiele dort aus. Das Sta­dion an der Alten Förs­terei wird in der Zeit aus­ge­baut. Die zukünf­tige Kom­mu­ni­ka­tion und Hal­tung der Ver­ant­wort­li­chen rund um Dirk Zin­gler, wird span­nend zu beob­achten sein. Zynisch könnte man fragen, ob es den Ausbau aus Ver­eins­sicht über­haupt noch braucht? Viel­leicht stellen die Ver­ant­wort­li­chen auch fest, dass sie das Olym­pia­sta­dion eigent­lich viel attrak­tiver finden.

Es scheint: Der Verein braucht die Alte Förs­terei gar nicht mehr zum Atmen. Dafür ren­tiert sie sich im der­zei­tigen Zustand gar nicht wirk­lich. Für das Image des Ver­eins hin­gegen ist sie unver­zichtbar. Die Fans und das Sta­dion sind untrennbar mit­ein­ander ver­eint. Sie haben es mit ihren eigenen Händen auf­ge­baut. Es ist ihr Zuhause und ihre Seele. Zumin­dest für die­je­nigen, die seit vielen Jahren den Verein unter­stützen. Nun kommt es darauf an, wie der Verein mit seinem Wachstum zukünftig umgeht. Und vor allem darauf, wie ehr­lich er zu sich selbst und den Fans ist. Union Berlin, herz­lich will­kommen in der Rea­lität.

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